Freiheit ist das Kind der Liebe

Fabia war 7 Jahre alt, als ihr Vater, ein Bauer aus Apulien, wegen einer Dürre Haus und Hof verlor und für seine Schulden zum Tode verurteilt wurde. Aber Fabia war ein sehr hübsches Kind, und so erklärte der Creditor sich bereit, das Leben des Vaters zu verschonen, wenn dieser ihm seine Tochter in die Sklaverei überlassen würde.

Der Creditor machte ein gutes Geschäft damit, denn auf dem Markt in Neapolis brachte ihm Fabia mehr ein, als der Vater ihm schuldig gewesen wäre. Ein Rüstungsfabrikant aus Rom erwarb sie für seinen Haushalt. Normalerweise waren Kinder billig, sie galten als wertlos, weil sie nicht viel arbeiten konnten. Doch um Fabia war ein Bieterwettstreit entbrannt, und der Römer hatte alle überboten. Sie gefiel ihm, und er hatte keine Tochter, so hatte er es dem Creditor erklärt.

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Heimat der Engel

„Mama, warum habt ihr mich Theodor genannt?“ Gestern hatte ihm sein Freund vom Nachbarhof erzählt, dass er Philipp hieß, weil sein Vater Pferde liebte, und wollte, dass auch sein Sohn wie er ein Freund der Pferde würde. Und deshalb wollte der Knabe nun wissen, woher denn sein Name kam.

Die Mutter sah ihn an, und ihre Augen wurden feucht. „Bevor du kamst, verlor ich ein Kind. Ich wäre fast gestorben daran, das Kind hatte schon 7 Monate in meinem Bauch gewohnt. Und ich dachte, der Herrgott würde mir keines mehr schenken wollen, weil danach so viele Jahre vergingen. Aber dann bist doch noch du gekommen, und weil das eine große Gnade des Herrn gewesen ist, nannte ich dich Theodor. Denn das ist es, was dein Name bedeutet: Geschenk Gottes.“

„Was ist Gott? Wieso kann es mich dir schenken?“ Theodor war verblüfft. Manchmal gab es einen Apfel und Nüsse zum Geburtstag, das war ein Geschenk. Aber das kam von Mama und Papa. Wer sollte es sein, der Leben verschenkt? „Die Priester sagen es“, meinte die Mutter. „Ich bin nur eine einfache Frau, ich weiß nichts von diesen Dingen. Aber es steht geschrieben in den heiligen Büchern, dass das Leben von Gott kommt, also ist Gott Das, Was Leben gibt.“

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Kinder des Lichts

Die meisten Tage vergingen nun im Nebel. Nur selten wusste Therese noch, wer und wo sie war. Heute aber lachte die Sonne, und die Vögel sangen. Therese saß in ihrem Rollstuhl im Park vor dem Pflegeheim, und freute sich an der Wärme des Frühlings.

Doch ihr Herz wog schwer, bestimmt würde auch heute niemand kommen, sie zu besuchen. Das ist nun alles, was mir geblieben ist, dachte sie. Ein langes Warten auf den Tod. Es würde mir so viel bedeuten, jetzt zu wissen, dass ich das Leben weitergegeben habe… Eine kleine Träne kullerte über ihre Wange.

Damals, an der Uni, war sie sich so sicher gewesen. Kinder sind bloß lästig. Ganz besonders für Frauen, Karriere kann man vergessen, wenn man so ein Würmchen an der Backe hat. Aber Therese wollte unbedingt Karriere machen, sie träumte vom Nobelpreis. Und so arbeitete sie hart, jeden Tag, kein Raum für Vergnügen, und schon gar nicht, um einen Gefährten zu finden.

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Auferstehung

Noch einen Schluck Korn, dachte Hans. Dann werde ich wieder vergessen können.

Doch heute hielt ihn die Vergangenheit in eisernem Griff, das gnädige Dunkel des Rausches wollte und wollte nicht kommen. „Papa, sag doch endlich was die Überraschung ist! Ich kann nicht mehr, ich will es jetzt wissen!“ Bennie hüpfte aufgeregt herum, und seine Augen strahlten. Wenn Papa so ein Riesending daraus macht, dann muss es etwas ganz Besonderes sein, Bennie war sich ganz sicher. „Nun warte doch noch ein Weilchen“, sagte Hans. „Der Liefertermin ist heute, und du darfst mir beim Aufbauen helfen.“

Er hatte alle Termine für den Nachmittag abgesagt. Die Kunden seines Malerbetriebs würden sich für den neuen Wohnzimmeranstrich gedulden müssen. Hans hatte immer so wenig Zeit für Bennie, aber bei den ersten Sprüngen auf dem mühsam erspartem Trampolin musste er unbedingt dabei sein. Und das konnte auf keinen Fall bis zum Wochenende warten.

Hans trank weiter, der scharfe Alkohol biss ihn in die Kehle. Es war ein lauer März-Abend. Er beschloss, heute nicht ins Wohnheim zu gehen. Ich werde hier schlafen, es wird schon gehen, sagte er sich. Er sah in den Himmel, ein besonders heller Stern war schon aufgegangen. Hans richtete sich auf der Parkbank ein Lager her. Um zu verstehen, was eine klare März-Nacht mit den Temperaturen im Park anstellen würde, war er längst zu betrunken.

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Spuren im Himmel

Immer wenn er die Augen schloss, sah der kleine Bär alles wieder. Das Zucken des Blaulichts. Den Schweiß auf der Stirn des Sanitäters. Das Kopfschütteln des Arztes. Die Tränen des Sportlehrers.

Sie sagen, es war die Maske. Oder die Impfung. Was ändert es, dachte der kleine Bär. Peter ist tot. Beste Freunde für immer, aber immer war so kurz gewesen.

Wieder fing der kleine Bär zu weinen an. Peter hatte noch gelacht, und sich gefreut, weil er ein Tor geschossen hatte. Der kleine Bär verstand es einfach nicht. Wie kann es sein, dass er dann umfällt? Und nicht mehr aufsteht.

Er ertrug es nicht länger. Ich fahre in den Wald, dachte der kleine Bär. Vielleicht frisst mich der Wolf, dann ist Peter nicht mehr allein. Er packte sich eine Brotzeit ein und stieg auf sein Fahrrad.

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Das Licht der Seele

Sergej hatte schlecht geschlafen. Sein bester Freund war gestern gefallen, ein Partisanen-Hinterhalt. Doch der Kampf musste weitergehen, jetzt erst recht. Und so programmierte er verbissen die Koordinaten. Seine müden Augen täuschten ihn, und ein Zahlendreher schlich sich ein.

Die Rakete flog unbeirrbar auf ihr Ziel, die Zentrale der Geheimpolizei. Der Widerstand in der Schlacht um diese Stadt musste gebrochen werden, und von dort wurde er gesteuert. Aber die Rakete flog vorbei und 80m westlich erst schlug sie ein. Denn das war es, was ihre Programmierung ihr vorgegeben hatte.

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Manche Kröten muss man küssen

Der kleine Bär warf wütend seinen Ranzen in die Ecke. Dicke Tränen liefen ihm übers Gesicht. Sie hatten ihm aufgelauert. Einen Kreis um ihn gebildet, und ihn dann zusammengeschlagen. Warum immer ich, dachte er. Was mache ich bloß falsch.

Ja, er hatte gepetzt. Aber der kleine Bär hatte sich so furchtbar geärgert über die Typen, die das Schulklo komplett verwüstet hatten. Das Schulklo war sowieso ein Graus, aber nach der Aktion vorgestern konnte man es sich wirklich nur noch verkneifen.

Was der kleine Bär am allerwenigsten verstand, woher die Rowdys gewusst hatten, dass er es gewesen war, der es dem Lehrer gesagt hatte. Mochte der Lehrer die Rowdys etwa? Wollte der Lehrer, dass der kleine Bär eine Abreibung bekommt?

Was ist richtig, was ist falsch? Wie soll man das nur wissen, dachte der kleine Bär.

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Rudy bleibt stur

Der kleine Elf Smirno ist kreuzunglücklich. Rudy weigert sich standhaft, eine Maske zu tragen. „Ich bin das Rentier mit der roten Nase. Niemand wird sie sehen, wenn ich so ein doofes Ding aufsetze!“ Wie soll Smirno das nur dem Weihnachtsmann erklären? Er versucht es noch einmal. „Wir malen einen roten Punkt auf deine Maske, dann wissen alle wer du bist, was hältst du davon?“ Rudy schnaubt. „Mal dir deinen roten Punkt auf den Popo! Entweder fliege ich ohne Maske oder gar nicht.“

Smirno bleibt nichts anderes übrig, er muss Nikolaus um Rat bitten. Aber da kommt er an die falsche Adresse. „Spinnst du? Dieses Weihnachten ist das schlimmste, das ich je hatte! Guck mal, dieses Kind wünscht sich, dass seine ungeimpften Eltern bei seiner Ballett-Aufführung dabei sein dürfen! Erstens, wann haben sich Kinder jemals sowas gewünscht? Als Nächstes wünschen sie sich noch, dass sie mit Mama zum Einkaufen dürfen! Und zweitens, wie stellt die Kleine sich das eigentlich vor? Soll ich mal eben die Regierung stürzen, oder was? Ich bin verflucht noch mal der Weihnachtsmann, ich habe keine Ahnung von politischen Kampagnen!“

Smirno macht, dass er aus der Weihnachtswerkstatt wieder herauskommt. Wenn Nikolaus in so einer Stimmung ist, kann alles passieren, einfach alles. Letztes Jahr, da hatte sein Kumpel Ritzelpotz es im höchsten Stress der letzten Stunden vor dem Wiegenfest gewagt, dem Weihnachtsmann den Einsatz einer neuen Navigationssoftware von Google vorzuschlagen. „Google!“ hatte der Weihnachtsmann geschrieen. „Die schicken mich doch für jedes Kind, das auf einer Demo war, an den Südpol!“ Und Ritzelpotz musste danach 3 Monate mit Eselsohren herumlaufen.

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Die Mühle der Ewigkeit

Es waren goldene Zeiten. Mit großen Erfolgen in Wissenschaft und Technik war Deutschland zu einer führenden Macht in Europa aufgestiegen und ein ernstzunehmender Akteur in der internationalen Politik geworden.

Heinz hatte gerade den Schulabschluss in der Tasche, und bald würde die Universität beginnen. Er fuhr durch das Land, um seine geliebte Heimat besser zu verstehen. Geboren war er in Ostpreußen, in Bischofsburg, doch schon als er erst drei Jahre alt gewesen war, waren seine Eltern nach Bayern in das schöne Städtchen Füssen übergesiedelt. Vom Rest des Reiches kannte Heinz nicht viel, und so nutzte er die Zeit zwischen dem Ende der Schule und dem Anfang seines Studiums der Schiffbautechnik für eine Rundreise.

Es versteht sich, dass er besonders zu den Häfen wollte, denn für die wollte er doch Schiffe bauen. Und in Bremen geschah es.

Heinz traf einen Engel.

Nun, keinen richtigen Engel. Einen aus Fleisch und Blut, Johanna war ihr Name. Johanna war aus armer Familie und arbeitete als Hausangestellte bei einem Fabrikanten. Ihr einziges Vergnügen war der Tanztee im Café, das eine Mal in der Woche, wenn sie ein wenig Zeit für sich hatte und nicht nur dienstbarer Geist sein musste, ohne Namen – „Das Mädchen soll sich darum kümmern.“

Johanna war geschmeichelt durch die offensichtliche Entzückung, die sie in dem adretten Jungen auslöste. Sehr ungeschickt war er jedoch, kaum einen geraden Satz brachte er hervor. Erst spät am Abend wurde er freier und auch durchaus charmant. Es war das Bier, das ihm die Zunge löste. Johanna kannte sich mit dergleichen aus. Sie hatte ihren Vater früh an den Alkohol verloren, und so war sie recht vorsichtig. Aber Heinz war der erste Mann in ihrem Leben, der ihr das Gefühl gab, wertvoll zu sein.

Nach dem zweiten Tanztee erzählte sie Heinz, dass sie abends die Hunde auszuführen hatte. Und so trafen sie sich bald jeden Tag im Park, wenn die Dämmerung fiel.

Heinz wusste, das ist sie. Bald würde er wieder nach Hause müssen, aber ohne sie konnte er nicht gehen. Er fiel auf die Knie vor Johanna. „Bitte komm mit, was willst du noch hier. Ich werde es möglich machen, für dich hole ich sogar die Sterne vom Himmel.“

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Auf den Flügeln der Liebe

Der Zug fuhr durch die Nacht. Manchmal huschten ein paar Lichter vorbei, aber die meiste Zeit sah Karl nur sein Spiegelbild im Fenster. Er sollte schlafen, dringend, aber es ging nicht. Morgen würde er sie endlich wiedersehen.

Er hatte es sich wieder und wieder vorgestellt. Sie würde auf ihn zulaufen, in seine Arme springen, wie früher, „Engelein flieg“. Aber sie versteckte sich hinter der Mutter, wagte es kaum, ihn anzusehen. Die Freundin hatte seine Ex-Frau auch mitgebracht, musste das sein. Als würde ein glühendes Messer in seinem Herzen rühren.

„Du verstehst mich einfach nicht. Sabrina weiß was ich fühle, du bist einfach nur ein grober Klotz. Du gehst zur Arbeit, und dann bist du müde. Was in mir vorgeht, das ist dir egal. Ich werde gehen, mit Sabrina habe ich endlich einen Menschen gefunden, dem ich etwas wert bin.“

Aber du bist mir doch so viel wert, hatte er gedacht. Geh du mal den ganzen Tag auf die Baustelle, dann wirst du schon sehen, wie müde du abends bist. Und dass du dann einfach nicht mehr kannst, keine Kraft mehr hast dir anzuhören, wie benachteiligt du bist, weil du dich nicht „entfalten“ kannst.

Warum war es dir nicht genug, unserem kleinen Engel die Flügel zu entfalten?

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Der Weg der Liebe

„Peter, hast du schon gehört, dem Johannes aus Köln ist ein Engel erschienen! Er ist ein Knecht wie wir!“ Thomas war so aufgeregt, wie Peter ihn noch nie gesehen hatte. „Sei leise, du Narr! Wenn der Bauer uns hört, setzt es wieder Schläge. Und ein Abendbrot bekommen wir auch nicht.“

Aber Thomas ließ nicht locker. „Johannes sagt, er wird einen Kreuzzug nach Jerusalem anführen, und er ruft alle auf, ihm zu folgen. Es haben sich schon Hunderte angeschlossen, ich will auch gehen. Johannes verspricht, das Meer wird sich teilen für seinen Zug!“

Immerhin flüsterte Thomas nun. „Du weißt, die Wiederkunft des Gottessohns ist schon lange vorhergesagt. Aber er kann nicht kommen, weil die Heiden seinen Tempel besetzt halten. Der Tempel muss befreit werden, dann wird der Nazarener wieder bei uns sein. Und er wird uns erlösen, es steht geschrieben in der heiligen Schrift. Jesus zählt auf uns, Peter, willst du denn dein ganzes Leben diesen Schweinestall hier ausmisten und dem bösen Bauern nützen?“

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Der Sündenbock, der nicht über die Klippe ging

Der Anruf kam gegen halb drei. Gabrielle lauschte aufmerksam und war wieder einmal voller Bewunderung für die raffinierten Spiele der Hochfinanz. Sie würde nur die ihr zugedachte Rolle ausfüllen müssen, ihr konnte gar nichts passieren – und wie reich dann die Belohnung sein würde!

Gabrielle ging durch die Reihe der Reporter. Sie ignorierte alle Fragen, sah nicht links oder rechts. Einen sehr traurigen Gesichtsausdruck solle sie aufsetzen, hatte man ihr gesagt. Na, so etwas konnte sie gut. Die Kameras klickten fleißig, das würde schöne Fotos geben morgen für die Schlagzeilen. Der Diener öffnete ihr die Tür, das letzte Mal, wie sie wusste.

„Dieses Interview gestern, das bekommen wir schon wieder aus der Welt. Ich habe hier eine Erklärung, Sie hatten einen Nervenzusammenbruch, und deshalb…“ Der Vorsitzende gab sich zwar alle Mühe, aber seine Stimme zitterte trotzdem. „Angst“, dachte Gabrielle, und es gab ihr einen warmen Schauer. Sie hätte nicht gedacht, diesen Mann jemals kriechen zu sehen, aber hier war er… und kroch vor ihr.

„Nein“, sagte Gabrielle, und war sehr stolz auf sich.

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Das Lied der Ewigkeit

„Herr B., begeben Sie sich umgehend auf Zimmer 227! Herr B.!“ Herr B. schrak aus einem unruhigen Halbschlaf. Er wartete bereits seit 4 Stunden in diesem ungemütlichen, gnadenlos harten Stuhl, der für Fakire gemacht schien. Oder für jemanden, dem man die Macht der Paragraphen demonstrieren wollte.

„Haben Sie das Formular ausgefüllt?“ Die Sachbearbeiterin war eine dickliche Matrone, die ihre Leidenschaft für Buttersahnetorten mit riesigen Ohrringen zu kaschieren suchte. Ihr gewaltiger Busen wogte hin und her, während sie geschäftig einen Stapel Akten auf ihren Schreibtisch wuchtete. Der Anblick ängstigte Herrn B. „Damit könnte man jemanden erschlagen“, dachte er. Seine Stimme zitterte deshalb ein wenig. „Ich habe diesen Brief von Ihnen erhalten, erst gestern. Und ich bin sofort zu Ihnen gekommen, aber…“

„Papperlapapp“, sagte die Sachbearbeiterin. „Ohne Formular 18/C2-861a kann ich nichts für Sie tun. Gehen Sie auf Zimmer 35 und melden Sie sich dann wieder hier.“

Es stellte sich heraus, dass zur Erlangung des Formulars zunächst eine Geburtsurkunde neu beglaubigt erforderlich war, der Nachweis des Schulbesuchs – das hatte besonders lang gedauert, es war schließlich 50 Jahre her -, außerdem eine Meldebescheinigung und die Heiratsurkunde, sowie ein notariell bestätigtes Zertifikat seiner Schuhgröße. Letzteres hätte Herrn B. vielleicht gewundert, wenn er nach den Tagen des Umherirrens in dem riesigen Schloss, welches die „Behörde für besondere Angelegenheiten“ beherbergte, nicht schon völlig erschöpft und resigniert gewesen wäre.

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Leise singt uns die Mutter das Lied

Der Knabe seufzte befreit. Das war ein hartes Stück Arbeit gewesen. Doch er hatte es sich nur selbst vorzuwerfen. Wie konnte er es nur übersehen, eine Küstenlinie, welche die glühende Seele dieser Welt zwang, Perioden von mächtigen Überschwemmungen mit gnadenlosen Dürren abzuwechseln, um das Gleichgewicht der kosmischen Energien zu bewahren… ja, es war eine wirklich sehr schöne Küstenlinie gewesen, aber Schönheit alleine brachte nichts. Es musste schon funktionieren, sonst war es eben wertlos.

Oder sogar schlimmer. Diese völlig rabiate Spezies von Amphibien, die dabei entstanden war, in diesem brutalem Überlebenskampf, au weia. Wie sollte er das nur seiner Mutter erklären? Doch er wusste, sie war gütig und weise. Und sie würde sein unermüdliches Bemühen achten, mit dem er seinen Fehler behoben hatte. 22 Erdbeben! 3 Meteore! Und dann noch dieses ganze Feingefitzel, ein Unwetter da, ein Sturm dort… oh Mann. Er war froh, dass die Arbeit hier nun beendet war. Jetzt würde er endlich auch in anderen Welten wieder einmal nach dem Rechten sehen können.

Das Kind rief seinen Teppich herbei, und befahl den Wildgänsen, anzuspannen. Wohin sollte es gehen?

Mit all dem Schlamassel, das der Knabe gerade hinter sich gebracht hatte, fiel ihm ein anderer Planet ein. Für den hatte es sogar einen Kometenkiller gebraucht, und einen völligen Neuanfang, so schlimm hatte er sich damals vertan. Es war Jahrtausende her, dass er zuletzt dort gewesen war. Doch er hatte in der Zeit des Wiederbeginns, vor hunderten von Millionen Jahren, alles, alles bedacht, um zu verhindern, dass das jemals wieder eine Welt werden könnte, in der riesige Drachen in grotesken Blutorgien einen Hort schlimmster Qualen errichten könnten… doch, er hatte wirklich alles auf das Beste vorgesehen. Er war sich ganz sicher, und seine Mutter hatte ihm auch geholfen dabei. Und als er das letzte Mal dort zu Besuch gewesen war, war es auch wirklich ein wunderschönes Paradies gewesen, das dabei herausgekommen war.

Ja, das würde ein erholsamer Ausflug werden. Ein wenig Balsam für die Seele würde ihm gut tun, nach dem Desaster hier. „Nach Gaia“, rief er den Gänsen zu, und begann auf seiner Flöte zu spielen.

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Im Garten der Engel

Es braucht nur zwei, drei Hunde, eine Schafherde zu hüten. Doch für ein Rudel Löwen wären diese Hunde nur Futter.

„Hildegard, bitte geh doch zum Müller und hole uns ein Pfund Mehl. Dann backe ich dir feine Pfannkuchen, willst du?“

Hildegard strahlte ihre Mutter an. „Ja, Mutter, du weißt doch, deine Pfannkuchen sind die besten der ganzen Welt!“ Und sie rannte los, so schnell ihre Beine sie tragen konnten.

Der Müller sah das Mädchen an. „Es ist kaum noch Mehl da. Ich werde dir wohl keines geben können.“ Hildegard war sehr enttäuscht. „Aber meine Mutter wollte Pfannkuchen… ich hab mich so gefreut…“

In die Augen des Müllers trat ein seltsamer Schatten. „Nun, es gäbe da vielleicht einen Weg. Komm mit, ich zeige es dir.“ Das Starren des Mannes ließ Hildegard frösteln. Aber sie folgte ihm in die Vorratskammer, die Pfannkuchen besiegten ihr warnendes Herz.

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Wem der Ruhm gebührt

Es war nur Minuten her, da schien es Ahmat der beste Tag seines Lebens. Die Hochzeit seines großen Bruders, so ein schönes Fest. Alle lachten, tanzten und lobten Allah.

Doch dann taten sich die Schlünde der Hölle auf, und das Heulen der Diener Shaitans donnerte in den Abend.

Ahmat irrte durch den Schutt. Die Trümmer der Rakete rauchten noch, aber er musste seine Mutter suchen. „Ummi, Ummi, wo bist du?“ rief er, immer wieder, und das Blut, das ihm über die Stirn und aus den Ohren quoll, mischte sich mit seinen Tränen. Als er sie endlich fand, die blicklosen Augen weit aufgerissen in den Himmel, die Gedärme um ihre Beine gewickelt, kam ein gnädiges Dunkel und nahm ihn fort.

Der Vorstandsvorsitzende rückte seine Krawatte zurecht. „Nun werden wir sehen, aus welchem Holz du geschnitzt bist“, dachte er, und mit einem Mausklick sendete er die Datei an den Senator. „Es wäre Ihnen zu wünschen, Sie werfen einen Blick auf das beigefügte Video und überlegen sich danach noch einmal Ihr Veto gegen Drohneneinsätze. Ein besorgter Freund.“ Die Mail ging über einen anonymen Server, aber der Senator würde wissen, was ihm die Stunde geschlagen hatte. Erst die Aufnahmen des zu Tode gefolterten Kindes. Dann die engmaschige Video-Überwachung seiner über alles geliebten Enkelin.

Der Vorsitzende konnte es sich absolut nicht leisten, dass die Abstimmung zu Ungunsten seines Unternehmens ausgehen würde.

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Stille Spuren

Das ist der Liebe Art im Weltgeschehn
Auf Schritt und Tritt die Spuren Gottes sehn,
Der auch durch Nächte Seine Fackeln trägt,
Aus totem Stein noch Lebensfunken schlägt,
In Sturm und Wetter segnet Seine Erde –
Und in das Nichts noch ruft Sein göttlich: Werde!
Und ob wir Seiner Wege Ziel nicht sehn:
Lasst uns in Liebe Seine Wege gehn.

(Quelle des Videos: Netzfund)

Gnadenengel

Die Karte kam mit der Post. Niemand hatte ihn angerufen, keiner hatte gewusst, wie wichtig es ihm gewesen wäre. Noahs alte Augen wurden feucht, und böse Erinnerungen trugen ihn zurück in seine Kindertage.

„Lauf, schnell!“ Mama schickte ihn fort, doch wohin sollte er nur gehen ohne Mama? „Nein, ich will bei dir bleiben“, weinte Noah. „Ich will immer bei dir bleiben, und wenn ich dafür in die Scheol gehen müsste!“ Aber Mama war unerbittlich. „Benutze niemals mehr solche Worte, hörst du! Das heißt Hölle, merk dir das! Und nun geh, bitte, um Moschiach, nein, um Christi Willen, wenn du mich liebst, dann geh!“

Noah war sieben Jahre alt, und die Vorstellung, er solle jemanden verlassen, weil er ihn liebt, war zuviel für ihn. Er barg das Gesicht in den Händen, und ein schreckliches Schluchzen aus den Tiefen seiner Seele schüttelte seinen kleinen Körper.

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Kompass des Glücks

Die Jugend erlebten Josef und Peter im Schutt der Bomben. Sie waren beide zu jung gewesen, um als letztes Aufgebot zu dienen. Nach dem Krieg waren sie dann, wie die meisten Kinder dieser Zeit, mehr oder weniger sich selbst überlassen, und streiften mit ihren Kinderbanden durch die Ruinen.

15 war Josef gewesen, und Peter 12. Da lernten sie sich kennen, bei einem „Krieg der Knöpfe“. Es ging um eine verlassene Hütte in einem Wäldchen, ihre beiden Banden wollten sie für sich als Hauptquartier. Und so duellierte man sich darum, mit Schleudern und Wasserbomben. Josef fand Peter weinend unter einem Baum. Peters größter Schatz, ein Kompass, war bei einer Rauferei zu Bruch gegangen.

Einen Kompass hatte Josef nicht, aber eine Lupe. Er schenkte sie Peter, weil er ihn nicht weinen sehen wollte. Von da an waren sie beste Freunde.

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Die letzte Flocke

Nachdenklich drehte der alte Mann die Medaille in den Fingern. „Für besondere Tapferkeit“, wie oft hatte er diese Worte schon gelesen. Und so sehr hatte er es sich gewünscht sein Leben lang, sein Vater wäre nicht tapfer, sondern bei ihm gewesen.

Fritz sah es, rings um ihn her. Dieses Lager war der Tod. Wie sehr er sich sehnte, seinen kleinen Jungen noch einmal in den Arm nehmen zu können. Aber es würde nicht sein. Er würde sterben, in den Steinbrüchen, in der Kälte, und seinen Sohn zurücklassen müssen.

Der alte Mann wusste, dass seine Zeit gekommen war. Der Herrgott forderte den Seelenfunken zurück. War es ein gutes Leben gewesen? Nun, er hatte seine Kinder nicht im Stich gelassen, so wie sein Vater ihn, war immer für sie da gewesen, so gut er es nur vermocht hatte. Und da war jetzt auch diese kleine Schar von Enkeln. Er würde gehen können, in Frieden mit sich und der Welt.

Fritz schlüpfte aus der Baracke. Heute nacht würde er fliehen, und wenn er erschossen würde, dann wäre es ihm auch einerlei. Heim zu Weib und Kind, das war alles, um was er flehte. Und müsste er auch 9000 Kilometer laufen dafür. „Wenn die Wahl zwischen sicherem Tod im Lager, und möglichem Tod auf der Flucht ist, dann ist es doch eine leichte Wahl“, so dachte er es sich, immer noch naiv, und noch immer im Unverständnis der bösen Mächte.

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