{"id":809,"date":"2024-05-08T07:48:22","date_gmt":"2024-05-08T05:48:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=809"},"modified":"2024-05-09T07:43:37","modified_gmt":"2024-05-09T05:43:37","slug":"segen-und-fluch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2024\/05\/08\/segen-und-fluch\/","title":{"rendered":"Segen und Fluch"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"426\" src=\"https:\/\/www.mikambo.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/andean-condor-2656045_640.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-808\" srcset=\"https:\/\/www.mikambo.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/andean-condor-2656045_640.jpg 640w, https:\/\/www.mikambo.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/andean-condor-2656045_640-300x200.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201cAber warum haben die spanischen Eroberer alle M\u00e4nner get\u00f6tet?\u201d Therese meldete sich aufgeregt. Sie fand es furchtbar, was die Lehrerin erz\u00e4hlte. Sogar die Babyjungen hatten die Conquistadoren geschlachtet, was h\u00e4tten die ihnen schon tun k\u00f6nnen? \u201cDie Spanier hatten gro\u00dfe Angst vor den Indio-Kriegern\u201d, erkl\u00e4rte Frau M\u00fcller geduldig. \u201cSie haben sogar die Kinder und Babys ermordet, wenn es Knaben waren, und auch die Greise. Die Spanier hatten gesehen, welch hervorragende K\u00e4mpfer die Indios waren, und um zu verhindern, dass das Indio-Volk sich jemals gegen sie erheben konnte, haben sie nur die Frauen und M\u00e4dchen am Leben gelassen. Und bis heute gibt es deshalb keine reinbl\u00fctigen Indios mehr in S\u00fcdamerika, manche sind Nachkommen der wei\u00dfen Invasoren, aber die Vorfahren der meisten sind Kinder schwarzer Sklavenarbeiter, die die Spanier nach ihrem Feldzug ins Land brachten und in den Goldminen schuften lie\u00dfen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Als Therese diesen Abend zu Bett ging, waren immer noch die Bilder der Soldaten mit Lanzen, wie sie auf Buben einstachen, in ihrem Kopf. Es kann nicht gerecht sein, dachte sie. Gut, die Spanier wollten das Land erobern, ihre Wirtschaft war v\u00f6llig \u00fcberschuldet, und ihr K\u00f6nig brauchte das Gold. Aber ein ganzes Volk ausrotten daf\u00fcr? Es ist b\u00f6se, unendlich b\u00f6se, sonst nichts. Und mit diesen traurigen Gedanken glitt Therese in den Schlaf.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Da war es wieder, das Licht. Therese kannte es schon, einmal hatte sie ihrer Oma davon erz\u00e4hlt. Die hatte nachdenklich gemeint, dass Therese wohl das zweite Gesicht h\u00e4tte, und dass sie das von ihrer Ur-Ur-Oma haben m\u00fcsse, von der hatte man das auch gesagt. \u201cGeh sorgsam damit um, liebe Therese\u201d, hatte Oma gewarnt. \u201cEs ist eine Gabe, aber auch ein Fluch.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Ein gro\u00dfer Vogel kam herbei, und landete auf der gr\u00fcnen Wiese, zu der Thereses Bett geworden war. Der sieht ja komisch aus, dachte Therese. Ist das ein Geier? Aber er ist so gro\u00df! \u201cWer bist du?\u201d fragte sie das majest\u00e4tische Tier. \u201cIch bin ein Kondor\u201d, sagte der Bote. \u201cM\u00f6chtest du eine Reise mit mir machen?\u201d Therese z\u00f6gerte kurz, sie dachte an die Worte der Gro\u00dfmutter, und an den Fluch. Aber ihre Neugier siegte, und sie kletterte schnell auf den breiten R\u00fccken des Kondors. Die beiden flogen in eine ferne Zeit, in einem fernen Land.<\/p>\n\n\n\n<p>Manco hatte gro\u00dfe Angst. Sein Vater hatte ihn rufen lassen, und meistens bedeutete das Tadel und Strafe. Manco war ein Tr\u00e4umer, und bei der Jagd hatte er nur selten Erfolg. Das war sehr schlecht, denn als Erstgeborener des hohen Priesters w\u00fcrde er die Linie der Ahnen fortsetzen m\u00fcssen. Aber wie sollten die Menschen ihn akzeptieren, wenn er ein Versager an den Waffen war? Vor der T\u00fcr des Tempels blieb er stehen, laute Worte des Streits lie\u00dfen ihn z\u00f6gern. \u201cDu bist der Anf\u00fchrer unseres Volkes! Du musst die wei\u00dfen Teufel besiegen!\u201d Manco traute seinen Ohren nicht. Keiner hatte es jemals gewagt, so respektlos mit seinem Vater zu reden.<\/p>\n\n\n\n<p>Atahualpa war verzweifelt. Nie zuvor hatten seine Untertanen sich gegen ihn aufgelehnt. Aber wen sollte es wundern, die Besatzer r\u00fcckten immer weiter vor, und kein Stamm konnte ihnen etwas entgegensetzen. Die St\u00f6cke der Fremden verschossen Blitze, die die Indio-Krieger auf gro\u00dfe Entfernung t\u00f6teten. Und sie trugen ein seltsames Gewand, an dem Schwerter und Speere wirkungslos abprallten. Sie sind eine Strafe der G\u00f6tter, dachte Atahualpa. Es kann nicht anders sein. Seit 10 Generationen herrschte seine Linie \u00fcber das Land, w\u00fcrde er der letzte Hohepriester sein? Es klopfte an der T\u00fcr, sch\u00fcchtern und zaghaft. Es war sein \u00c4ltester Manco, richtig, er hatte ihn zu sich bestellt. An jenem Morgen, als er den Zaubersud getrunken hatte, war er auf eine Idee gekommen. Atahualpa w\u00fcrde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cDie G\u00f6tter z\u00fcrnen uns, mein Sohn\u201d, begr\u00fc\u00dfte er seinen ungeliebten Erstgeborenen. \u201cEs wird ein gro\u00dfes Opfer von uns verlangt, der Trank der Liane hat es mir heute morgen verk\u00fcndet. Die G\u00f6tter wollen mein Wertvollstes, mein Bestes, und das bist du.\u201d Atahualpa zuckte innerlich ob dieser L\u00fcge, denn er zog den Zweitgeborenen vor. Der konnte jagen und fischen, und auch im Schwertkampf schlug er sich schon recht ordentlich. Es war dem Vater deshalb recht, dass der Zweite die Linie fortf\u00fchren w\u00fcrde, und die G\u00f6tter w\u00fcrden doch helfen m\u00fcssen, wenn er seinen \u00e4ltesten Sohn auf den Altar legen w\u00fcrde. So redete er es sich ein, dass der Geist der Liane es ihm gesagt h\u00e4tte, und er verstand nicht, dass es nur der dunkle Spiegel der eigenen Seele war, mit dem er sprach unter dem Einfluss des berauschenden Getr\u00e4nks. Dieser Trank war ein sorgsam geh\u00fctetes Geheimnis und der Kern der Macht seines Clans, man verstand die Tiere und h\u00f6rte die Geister des Windes, und vor allem wusste man, wie man den anderen Angst vor den G\u00f6ttern machen konnte; und es war diese Angst, mit der man den P\u00f6bel dazu bringen konnte, alles zu tun, und sei es noch so widersinnig und verr\u00fcckt, sogar, faulenzenden und Unsinn \u00fcber die Seele Des Alls erz\u00e4hlenden Priestern ein Leben in f\u00fcrstlichem M\u00fc\u00dfiggang zu besorgen. So war sein Clan aufgestiegen, und lebte in bestem Wohlstand, und mehr als ein paar Riten von Zeit zu Zeit waren daf\u00fcr nicht erforderlich. Nun, der missratene Erstgeborene war ein geringer Preis, dieses reiche und bequeme Leben fortsetzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Manco willigte sofort ein. Er w\u00fcrde endlich die Liebe seines Vaters gewinnen, und er war bereit, daf\u00fcr jeden Preis zu zahlen. Die Opferung wurde f\u00fcr den sp\u00e4ten Nachmittag festgelegt, zur Stunde des gl\u00fccklichen Windes, der den Puma n\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatten Manco auf den Opferstein gebracht und ihn festgebunden. Aber das w\u00e4re gar nicht n\u00f6tig gewesen, sein Vater hatte ihm den Trank der Liane gegeben, und Manco war in ferne Weiten geglitten. Es war ihm gleich, was nun geschehen w\u00fcrde, dieser eine, letzte Kuss des Vaters war echt gewesen. Er w\u00fcrde seinen Vater stolz machen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber dem Tempelplatz begannen die Geier zu kr\u00e4chzen, in Erwartung eines weiteren Mahls, das diese seltsamen affenartigen Wesen ihnen immer wieder schenkten. Manco blickte in den Himmel, und dann sah er ihn. Hoch oben \u00fcber den Geiern kreiste ein Kondor. Das ist der Bote der G\u00f6tter, dachte Manco. Sie werden mein Opfer annehmen und mein Volk wird gerettet sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Therese schrie auf. \u201cDu musst etwas tun\u201d, rief sie dem Kondor zu. \u201cDu darfst es nicht zulassen, dass der Vater sein eigenes Kind t\u00f6tet, bitte, mach etwas!\u201d Doch der Kondor sch\u00fcttelte den Kopf. \u201cWenn es das ist, was dieser Priester mit seiner Freiheit anfangen will, so vermag niemand ihn daran zu hindern. Die Mutter Des Universums gab uns Freiheit, nat\u00fcrlich, wer sie falsch verwendet, der wird bitter bezahlen. Dennoch, es ist immer die Entscheidung jedes Einzelnen, was er mit dieser Freiheit tut, und k\u00f6nnte irgendwer sich darin einmischen, so w\u00e4re es doch gar keine Freiheit.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Und aus den W\u00e4ldern brach ein Donner, und die spanischen Soldaten, die sich leise angeschlichen hatten schon seit Stunden, lie\u00dfen ihre Musketen krachen. Atahualpa war einer der ersten der fiel, das Opfermesser, mit dem er seinen Sohn hatte ermorden wollen, lag nun nutzlos im roten Staub. Schnell hatten die Eroberer alle auf dem Platz get\u00f6tet, inmitten der Zeremonie war niemand auf einen Kampf gefasst gewesen. \u201cSucht im Dorf die M\u00e4nner, und bringt sie um, alle\u201d, sagte der Commandante zu seinem Capitano. Und die Truppe durchk\u00e4mmte das Dorf und t\u00f6tete alle M\u00e4nner, denn das hatte der Bischof befohlen, dass die fremden Heiden samt und sonders D\u00e4monen der H\u00f6lle waren, und nur ihre Frauen weiterleben d\u00fcrften als Diener der gro\u00dfen spanischen Krone. Es war Hass auf das Fremde, und Angst vor dem Andersartigen, aber auch Neid auf das naturverbundene und gl\u00fcckliche Leben der Indios. Wehe, die Sch\u00e4flein w\u00fcrden erfahren, wie frei und ungezwungen die Geschlechter in gl\u00fccklicher Liebe leben konnten, so wie es bei den Indios war, wo niemand die Erbs\u00fcnde kannte, und die Vorstellung, ausgerechnet die Quelle des Gl\u00fccks zwischen den Beinen sei b\u00f6se, nur Gel\u00e4chter hervorrufen konnte. Doch eben dies ist die erste Quelle der Macht der Kirche, die Angst vor der fleischlichen Liebe, und so waren die Indios eine gro\u00dfe Bedrohung geworden. Und der Bischof hatte befohlen, alle M\u00e4nner der Indios zu t\u00f6ten, damit dieses Volk enden m\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cHier liegt ein Kind, es lebt noch\u201d, rief einer der Landsknechte dem Capitano zu. \u201cWas ist es f\u00fcr eins, sieh nach\u201d, antwortete dieser. Der Soldat hob den Lendenschurz. \u201cEs ist ein Knabe, Sire\u201d, und als der Capitano nickte, durchbohrte der Infanterist Mancos Kinderherz mit seinem Schwert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cDu musst nun gehen\u201d, sagte der Condor zu Therese. \u201cIch muss Manco zu seinem Himmlischen Vater bringen, Er wird ihn tr\u00f6sten und ihm erkl\u00e4ren, dass er ein Dichter sein sollte, der seinem Volk Weisheit bringt. Aber sein Volk hatte sich f\u00fcr das B\u00f6se entschieden, genau wie das Volk der Spanier. Immerzu suchen wir, wer im Streit der Gute ist, aber so oft ist es B\u00f6se gegen B\u00f6se, und die Guten sind nichts als deren Opfer. Und doch gewinnen die Guten die Ewigkeit, und im Spiel der B\u00f6sen verlieren nur sie selbst. Das Gold der Inkas wird zwar den Spaniern noch einmal eine kurze Bl\u00fcte verschaffen, aber dann wird ihr grausamer V\u00f6lkermord das eigene Reich zerst\u00f6ren, so wie sie das Reich der Inkas zerst\u00f6rt haben. Die Spanier h\u00e4tten so viel lernen k\u00f6nnen von den Indios, aber sie ergaben sich dem Hass. Doch war es anders herum wirklich besser? Auch die Priester der Indios hassten die Spanier nur f\u00fcr das Fremde, das sie waren, und eine andere M\u00f6glichkeit als den Kampf haben sie nie in Erw\u00e4gung gezogen. Es gab nicht genug wie Manco auch bei ihnen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Sanft lie\u00df der Kondor sich auf dem Opferstein nieder und hie\u00df Manco aufsitzen. Dann machte er die beiden Kinder miteinander bekannt, und sie hatten sich viel zu erz\u00e4hlen auf der langen Reise zur\u00fcck zu der gr\u00fcnen Wiese, die nun wieder Thereses Bett geworden war. Therese winkte dem Kondor und dem Jungen noch lange nach, als sie wieder aufgestiegen waren f\u00fcr den Flug zum Himmlischen Vater. Und dann verstand sie es, Freiheit ist ein Segen und ein Fluch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cAber warum haben die spanischen Eroberer alle M\u00e4nner get\u00f6tet?\u201d Therese meldete sich aufgeregt. Sie fand es furchtbar, was die Lehrerin erz\u00e4hlte. 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