{"id":792,"date":"2024-04-01T08:24:49","date_gmt":"2024-04-01T06:24:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=792"},"modified":"2024-04-01T08:26:51","modified_gmt":"2024-04-01T06:26:51","slug":"die-strasse-der-engel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2024\/04\/01\/die-strasse-der-engel\/","title":{"rendered":"Die Stra\u00dfe der Engel"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"453\" src=\"https:\/\/www.mikambo.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/grey-wolf-7589920_640.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-793\" srcset=\"https:\/\/www.mikambo.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/grey-wolf-7589920_640.jpg 640w, https:\/\/www.mikambo.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/grey-wolf-7589920_640-300x212.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Stepan trank seinen Kakao aus und griff nach seinem Ranzen. \u201cAuf geht\u2019s, Katya. Ist wieder Schule. Du musst mitkommen, und gut auf mich aufpassen, hat Papa gesagt.\u201d Katya wedelte gl\u00fccklich. Mit einem fr\u00f6hlichen \u201cWuff\u201d antwortete sie, sie wusste genau, dass es nun wieder losging. Jeden Tag begleitete sie Stepan in die Schule, und dann wartete sie dort in einem nahegelegenen Schreberg\u00e4rtchen, bis der Junge wieder mit ihr nach Hause lief.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Vorspeise ging es auf einem anderen Kontinent an die wichtigen Themen. \u201cNur St\u00e4rke nutzt, wir m\u00fcssen in die R\u00fcstung investieren, soviel es geht. Man f\u00e4ngt nur einen Krieg an, den man gewinnen kann, und wenn der Feind sieht, dass wir wohl vorbereitet sind, wird er mit uns keinen weiteren Krieg beginnen, so einfach ist das\u201d, sagte der dicke Fabrikant, und dachte dabei an seine k\u00fcrzliche Umschichtung im Depot zu Rheinmetall und Raytheon.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wer mit dem R\u00fccken zur Wand steht, dem ist das egal, \u00fcberlegte sie. Aber sie sagte es nicht laut, denn das w\u00fcrde sie den Job kosten. Ohnehin war sie nur versehentlich in der Runde dabei, jemand hatte abgesagt, und dann hatte man sie eingeladen. Stattdessen sprach sie dem hervorragenden Wein zu, der zur Vorspeise gereicht wurde. Aber sie nippte nur daran, zu viel w\u00fcrde ihr die Zunge lockern, das war ihr klar, und auch, dass das auf keinen Fall passieren durfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher hatte immer Papa Stepan in die Schule begleitet, und dann mit Herrn Solowjow ein Schw\u00e4tzchen in dessen an die Schule angrenzenden Schreberg\u00e4rtchen gehalten, bevor er sich wieder der Langeweile eines arbeitslosen Vormittags aussetzte. Daher kam die Angewohnheit von Katya, in jenem G\u00e4rtchen auszuharren, bis Stepan wieder aus der Schule kam. Aber Herr Solowjow hatte zur Armee gemusst, und bald darauf nahm auch Stepans Papa ihn eines Morgens in den Arm und dr\u00fcckte ihn ganz fest. \u201cIch muss k\u00e4mpfen f\u00fcr dich, lieber Junge. Ich werde bald wieder hier sein, und bis dahin passt Katya auf dich auf. Und du auf Mama, versprich mir das!\u201d Stepan weinte und flehte, aber es nutzte nichts. Der Offizier, der erschienen war mit einem offiziellen Papier, machte ein grimmiges Gesicht, und schlug mit der Faust auf den Tisch. \u201cWir haben nicht den ganzen Tag Zeit, lass die Spielchen\u201d, herrschte er den Vater an. Und als dieser kuschte und Stepan von sich stie\u00df, zerbrach ein St\u00fcckchen seiner Kinderwelt. Papa war gar nicht so stark, wie Stepan immer geglaubt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun machte doch einer den Mund auf. \u201cNat\u00fcrlich m\u00fcssen wir uns verteidigen, das ist doch v\u00f6llig unstrittig. Aber der Vorrang der Diplomatie darf nicht in Frage gestellt werden. Was wird die Politik in dieser Hinsicht unternehmen?\u201d Der Generalsekret\u00e4r wand sich. Er hatte in diesen Fragen nicht das Mindeste zu sagen, musste nur die Befehle der Geldgeber ausf\u00fchren, ohne deren st\u00e4ndigen Zustrom von Kredit die Wirtschaft am n\u00e4chsten Tag zusammenbrechen w\u00fcrde. L\u00e4ngst brannten schon die Barrikaden, und die Bauern spr\u00fchten G\u00fclle in die Rath\u00e4user. Wenn nun auch noch die staatlichen Gelder versiegen w\u00fcrden, dann k\u00f6nnte ich tats\u00e4chlich an der Laterne enden, also bleibt mir keine Wahl, dachte er. Doch das w\u00fcrde dieser hohe Herr gewiss niemals zugeben, also nickte der Generalsekret\u00e4r beif\u00e4llig und stimmte l\u00e4chelnd zu. \u201cNat\u00fcrlich, wie es schon Clausewitz und Bismarck immer wieder betont haben, wir tun nat\u00fcrlich alles daf\u00fcr, aber der Feind will leider nicht reden.\u201d Wer hat den blo\u00df eingeladen, der bekommt ein Donnerwetter von mir, dass es sich gewaschen hat. Und wehe, ich muss diese Fresse noch einmal sehen. Doch diese grimmigen Gedanken sah man dem Generalsekret\u00e4r nicht an, so viel Wein gab es nicht, dass er seine Rolle h\u00e4tte vergessen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Sirene heulte los, und Stepan rannte schnell in das n\u00e4chstgelegene Haus und versteckte sich mit Katya in dessen Kohlenkeller. Es war nur eine Rakete, aber sie trug Streumunition und legte das ganze Viertel in Schutt und Asche.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war dunkel geworden um das Kind und seinen treuen Freund, das Haus war eingest\u00fcrzt und hatte den Kohlenkeller unter sich begraben. Ein Splitter hatte Stepan in den Bauch getroffen und das Leben rann in stetem Strom aus ihm heraus. Er nahm Katya in den Arm und sprach beruhigend auf den Hund ein. \u201cEs wird alles gut werden, Papa wird kommen und uns hier herausholen, mach dir keine Sorgen.\u201d Katya leckte \u00fcber Stepans Gesicht, und schmeckte salzige Tr\u00e4nen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit viel M\u00fche hatte der Generalsekret\u00e4r das leidige Thema der Diplomatie abgebogen, nun sprach man wieder \u00fcber die Wirtschaft, und wie undankbar die Menschen auf die aufopferungsvollen Bem\u00fchungen der Politiker reagieren w\u00fcrden. Au\u00dferdem sei es so wichtig, dass man seine Partei unterst\u00fctze, denn mit den anderen Parteien w\u00fcrde alles noch viel schlimmer werden, nur seine Partei habe die Interessen der Wirtschaft im Blick. Zum Hauptgang wurde Rotwein gereicht, der Wei\u00dfwein der Vorspeise passte nicht zum edlen Roastbeef, das nun serviert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Stepan war still und kalt geworden. Katya horchte hinaus, sie h\u00f6rte die Rufe vieler Menschen, aber f\u00fcr Stepan war es zu sp\u00e4t. Als man die beiden fand, gab es nichts, das man noch f\u00fcr Stepan h\u00e4tte tun k\u00f6nnen, und dass Katya alleine hinaus in den grauen Morgen verschwand, bemerkte im allgemeinen Chaos niemand. Katya lief zum Schreberg\u00e4rtchen, sie w\u00fcrde dort warten, bis Stepan wiederk\u00e4me. Er musste wiederkommen, was sollte sie tun ohne ihren Kumpel?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nachspeise war misslungen, es war ein Tiramisu, das innen jedoch fl\u00fcssig geblieben war. Die Runde der Reichen lie\u00df es stehen, nur der Diplomatie-Freund a\u00df bis zum letzten Kr\u00fcmel auf. Ein Trottel, dachte der Generalsekret\u00e4r. Hoffentlich kriegt er jetzt tagelang Schei\u00dferei und kotzt sich seine naive Seele aus dem Leib.<\/p>\n\n\n\n<p>Katya fra\u00df nichts mehr, nur gelegentlich trank sie etwas Wasser aus einer Pf\u00fctze. So dauerte es zwei Wochen, und der Wolf kam. \u201cIch bringe dich heim, liebe Katya. Was willst du noch hier, diese Welt ist so dunkel geworden, dass Unsere Mutter jeden Abend darum weint.\u201d Aber Katya wollte nicht. \u201cIch muss auf Stepan warten, er wird bald aus der Schule kommen, und bestimmt hat er dann ein Leckerli f\u00fcr mich. Ich muss ihn immer beh\u00fcten, ich darf nicht gehen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wolf breitete seine Fl\u00fcgel aus, und legte sie z\u00e4rtlich um Katya. \u201cKomm, ich zeige dir, wo Stepan ist. Du wirst sehen, er freut sich schon sehr auf dich.\u201d Der g\u00f6ttliche Bote trug Katya hinauf zu den Sternen. Und wie er es versprochen hatte, traf Katya dort endlich Stepan wieder. \u201cJetzt gehen wir erstmal Gassi\u201d, sagte Stepan. Fr\u00f6hlich sprangen der Junge und sein Hund \u00fcber die Stra\u00dfe der Engel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stepan trank seinen Kakao aus und griff nach seinem Ranzen. \u201cAuf geht\u2019s, Katya. Ist wieder Schule. Du musst mitkommen, und gut auf mich aufpassen, hat Papa gesagt.\u201d Katya wedelte gl\u00fccklich. Mit einem fr\u00f6hlichen \u201cWuff\u201d antwortete sie, sie wusste genau, dass es nun wieder losging. 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