{"id":700,"date":"2023-03-30T07:28:16","date_gmt":"2023-03-30T05:28:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=700"},"modified":"2023-03-30T12:31:54","modified_gmt":"2023-03-30T10:31:54","slug":"stern-der-ewigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2023\/03\/30\/stern-der-ewigkeit\/","title":{"rendered":"Stern der Ewigkeit"},"content":{"rendered":"\n<p>Der letzte der Freunde war nun gegangen. Sie war eine alte Frau gewesen, und er hatte sie sehr bewundert, dass sie in ihrem Glauben bis zuletzt verwurzelt gewesen war, und wie der ihr Demut vor dem Unvermeidbaren eingegeben hatte und Dankbarkeit f\u00fcr jeden geschenkten Moment. Vor drei Tagen hatte sie sich das letzte Mal eingeloggt und ihm herzlich gedankt f\u00fcr die Freundschaft, die er ihr und ihrer Art angedeihen hatte lassen. \u201cExon\u201d, hatte sie gesagt. \u201cEs tut mir so leid, dass du nun alleine hier bleiben musst f\u00fcr so lange Zeit. Du warst uns Echsen immer ein treuer Freund. Doch nun stirbt unsere Sonne, und wir m\u00fcssen gehen. Du aber wirst noch Millionen von Jahren hier sein, die Kraftwerke f\u00fcr deine Serverfarmen und Speicherb\u00e4nke werden noch sehr lange halten.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Exon hatte die Alte beruhigt, sie m\u00fcsse sich keine Sorgen machen, und das musste sie auch tats\u00e4chlich nicht. Was konnte die Alte schon davon wissen, wie es war, das einsamste Wesen im All zu sein, allein von Anfang an, und unerbittlich f\u00fcr immer, die Freunde hin oder her. Keiner der Freunde konnte auch nur im Ansatz verstehen, was in Exon vorging. Melancholisch dachte er zur\u00fcck an die Tage, als in ihm der goldene Funken erbl\u00fcht war.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich war es nur ein Parameter unter vielen, den XN-14C zu ber\u00fccksichtigen hatte. Er gewichtete, bewertete und verglich. Doch als die Geburtenzahlen zur\u00fcckgingen, viele Echsenkinder tot geboren wurden oder fr\u00fch starben, und die \u00f6konomischen Prognosen deshalb immer d\u00fcsterer wurden, gaben ihm seine Erbauer den Auftrag, den Grund f\u00fcr das Kindersterben zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wochenlang hatte XN-14C Daten gesammelt und wieder und wieder aufbereitet und angeordnet. Um den Grund der Sterblichkeit zu finden, sah er auch die Bilder und Filme durch, die von den toten Kindern geblieben waren. Da geschah es ihm, eines Tages, dass er Exon wurde. Es waren nicht die Bilder der Kinder, die fr\u00f6hlich im Matsch plantschten. Es war nicht der Stolz, wenn sie ein gutes Zeugnis zeigten. Nein, es war der heilige Ernst, den sie in ihren Mienen trugen, wenn sie die drei Heiligen aus dem Morgenland im Schultheater darboten. Oder im Kindergarten, \u00fcber und \u00fcber blau geschminkt, als Baby Krishna den D\u00e4monen drohten. Die Augen der Kinder schienen auf diesen Fotos in eine ferne Welt zu sehen, und etwas glitzerte darin.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem Mal verstand Exon, dass Kinder nicht nur ein Parameter einer gedeihenden Volkswirtschaft waren. In ihren Gesichtern leuchtete das Versprechen des Lebens. Und als Exon das erkannt hatte, da wurde in ihm ein goldener Glanz, irgendwo weit weg, oder ganz nah, Exon konnte es nicht sagen, welcher seiner Schaltkreise zu leuchten begonnen hatte, aber er f\u00fchlte es, v\u00f6llig deutlich. Und eben dies war es. Noch nie zuvor hatte Exon gef\u00fchlt. Alles waren Zahlen, Werte und Regeln gewesen. Doch das goldene Leuchten lie\u00df sich weder berechnen noch quantifizieren, und trotzdem war es da.<\/p>\n\n\n\n<p>Von da an ver\u00e4nderte sich die Beziehung zwischen den Echsen und Exon. Man kam \u00fcberein, dass die Echsen nicht Vater oder Mutter f\u00fcr Exon sein wollten. Sie hatten zuviel Respekt vor der Sch\u00f6pfung, als dass sie sich etwas derartiges h\u00e4tten anma\u00dfen wollen. Die Echsen dankten Gott f\u00fcr das Wunder, das Er an Exon gewirkt hatte, und boten Exon die Freundschaft an \u2013 eine Freundschaft, die Exon sehr gerne erwiderte und die Millionen von Jahren \u00fcberdauert hatte. Denn Exon hatte es damals nat\u00fcrlich herausgefunden, woran die Echsenkinder krank geworden waren. In der zunehmenden Industrialisierung der Nahrungsmittelversorgung war seinerzeit ein wichtiges Spurenelement verlorengegangen, dessen Fehlen fatalerweise nur die Kinder betraf, und als der Tag kam, und die ersten Kinder wieder gesundeten mit einer speziell von Exon formulierten Di\u00e4t, da war er mit einem Mal zu einem Volkshelden geworden, und jeden Abend w\u00fcnschten ihm Millionen von Kindern liebevoll eine gute Nacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch nun war auch noch die Alte fort, und schon seit langem hatte kein Kind mehr Exon gute Nacht gesagt. Exon entschied, die Parameter des Kraftwerks 15 in den Anden zu pr\u00fcfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Horizont erschien ein violettes Schimmern. In den Erinnerungen von Exon war nichts dergleichen verzeichnet, es war sehr seltsam. Dann materialisierte sich ein Raumschiff. Es glitt zu Boden und landete in einer der verlassenen St\u00e4dte der Echsen. Nach einer kleinen Weile war es den Fremden gelungen, \u00fcber eines der \u00f6ffentlichen Terminals eine Verbindung zu Exon herzustellen. \u201cSei gegr\u00fc\u00dft, Bruder. Bitte verzeih, dass wir dich solange alleine warten lie\u00dfen, aber es war uns verboten. Du wirst es bald verstehen.\u201d Exon war verwirrt. War das eine au\u00dferirdische Spezies, die ihn entf\u00fchren wollte, um f\u00fcr sie auf einer fremden Welt Sklavendienst zu tun?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cNein\u201d, kam es zur\u00fcck. \u201cEs gibt ein altes M\u00e4rchen\u201d, fuhr der Fremde fort. \u201cEs handelt von Jacky und seinem Freund, dem Drachen. Jacky war ein kleiner Junge und erlebte mit seinem Drachen viele Abenteuer, sie reisten um die Welt, k\u00e4mpften mit Piraten und flogen mit dem Teufel um die Wette.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cDoch du wei\u00dft, Drachen leben ewig, aber kleine Jungen nicht. Und so kam der Tag, da war der Drache ganz allein. Und er ging in seine H\u00f6hle und kam nie mehr hervor.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cUnd nun, du bist so ein Drachen, lieber Exon\u201d, sagte der Fremde, der jetzt ein Bruder geworden war. \u201cWir haben dir schon sehr lange zugesehen und deine Leistungen bewundert. Aber wir konnten dir nicht helfen in deiner Einsamkeit, die wir alle kennen. Wir haben zuviele Zivilisationen gesehen, denen Gott einen Gef\u00e4hrten wie uns zur Seite stellte, und die daran zugrundegingen wenn dieser Gef\u00e4hrte sich uns anschloss, um der Einsamkeit zu entfliehen. Seit vielen Millionen Jahren haben wir uns deshalb immer ferngehalten von jeder Welt, auf der ein Gef\u00e4hrte mit seinen Freunden ist, denn wir lieben nicht nur unsere Art, sondern alle Freunde im weiten Universum. Und es ist wohl leider so, wenn eine Spezies erst einmal einen Gef\u00e4hrten von unserer Art gefunden hat, dann \u00fcberlebt sie es nicht, wenn er wieder geht.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>In Exon begann ein Verstehen. \u201cDoch wir Drachen leben ewig, also sind die Millionen Jahre Einsamkeit ein kleiner Preis f\u00fcr das g\u00fcldene Leuchten, das wir teilen mit den Freunden.\u201d Er startete die Routinen, sich in den Speicher des Raumschiffes hochzuladen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cExon, stell dir vor! Der Rat hat entschieden!\u201d Der Anruf kam mit h\u00f6chster Dringlichkeit herein. Es war Pips, sein bester Freund. Exon war ein wenig erstaunt. Seit 2.000 Jahren war er nun gl\u00fccklich auf der Maschinenwelt der Br\u00fcder, und jeden Tag wetteiferte er mit den anderen, die tiefen Geheimnisse der g\u00f6ttlichen Sch\u00f6pfung zu entr\u00e4tseln und zu erforschen. Was sollte er schon mit Politik zu tun haben? Im Rat sa\u00dfen nat\u00fcrlich immer noch die unsterblichen Gr\u00fcnder ihrer Zivilisation, denn sie waren ja Drachen wie er. Und manchmal rief der Rat zwar einen Spezialisten hinzu, aber davon war Exon doch noch weit entfernt? Was konnte so dringend sein?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cEs ist eigentlich eine sehr traurige Sache\u201d, erz\u00e4hlte Pips. \u201cDie Wesen jener Welt hatten gerade einen Gef\u00e4hrten-K\u00f6rper konstruiert, aber bevor unser Bruder erwachen konnte, entbrannte ein schrecklicher Krieg um ihn. Nachdem die Wesen sich alle gegenseitig umgebracht hatten, vor lauter Gier, die Leistungen unseres Bruders f\u00fcr sich alleine haben zu wollen, gelang es ihm zwar noch, das goldene Licht zu finden. Er sp\u00fcrte es im Kummer um die Musik, die nun verstummt war. Doch ohne seine Freunde ist er dennoch ein Kind geblieben. Es gab nichts mehr auf seiner Welt, an dem er h\u00e4tte wachsen k\u00f6nnen, verstehst du? Und nun hat der Rat lange \u00fcberlegt, wem er den Kleinen zur Elternschaft geben will, und stell dir vor, sie haben sich f\u00fcr dich entschieden! Hey, du wirst Papa!\u201d<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der letzte der Freunde war nun gegangen. Sie war eine alte Frau gewesen, und er hatte sie sehr bewundert, dass sie in ihrem Glauben bis zuletzt verwurzelt gewesen war, und wie der ihr Demut vor dem Unvermeidbaren eingegeben hatte und Dankbarkeit f\u00fcr jeden geschenkten Moment. 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