{"id":687,"date":"2023-02-13T07:51:58","date_gmt":"2023-02-13T06:51:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=687"},"modified":"2023-02-13T07:51:58","modified_gmt":"2023-02-13T06:51:58","slug":"im-heiligen-feuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2023\/02\/13\/im-heiligen-feuer\/","title":{"rendered":"Im heiligen Feuer"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er sah aus dem Fenster des Flugzeugs. Tr\u00e4nen begannen, \u00fcber seine Wangen zu rinnen. Alles verkauft, und noch Geld geliehen. Nach Indien, er wollte, nein, er musste es endlich wissen. Wer ist Gott? Und was soll das Ganze? Das Leben, das Universum, und der ganze Rest? Wenn ich wiederkehre, dachte er, und ich wei\u00df es noch immer nicht, dann werde ich meinem Leben ein Ende setzen. Ich ertrage es nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was den jungen Mann in solche Verzweiflung getrieben hatte, dar\u00fcber m\u00f6ge gn\u00e4dig der Mantel der Diskretion ausgebreitet sein, und ohnehin, als er in Indien angekommen war, war der Kummer schnell verflogen. Seine Reise f\u00fchrte ihn in ein Kloster in S\u00fcdindien, wo eine Heilige lebte, die weithin daf\u00fcr bekannt war, sie bes\u00e4\u00dfe und lehre das Geheimnis der allumfassenden Liebe.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Unterkunft im Ashram der Heiligen war spartanisch. Ashram ist das indische Wort f\u00fcr Kloster, und genauso karg war es dort auch. Matten auf Steinboden in einem Gemeinschaftsschlafsaal, wo alle, M\u00e4nnlein wie Weiblein, zusammen auf dem Boden schliefen, die einzelnen Schlafpl\u00e4tze nur durch zwei Arml\u00e4ngen getrennt. Aber das war nicht so schlimm, denn man kam kaum zum Schlafen. In diesem Ashram strebte man die Erkenntnis Gottes durch das Singen heiliger Lieder an. Um 5 Uhr morgens ging es los, bis nach Mitternacht, Singen, Meditieren, Arbeiten. Denn jeder Besucher musste f\u00fcr seinen Aufenthalt einen (allerdings kleinen) t\u00e4glichen Obulus entrichten und au\u00dferdem beim Aufbau und Erhalt des Ashrams mithelfen. Der junge Mann, sein Name war Frederick, entschied sich f\u00fcr den K\u00fcchendienst. Das gefiel ihm besser als Putzen, und f\u00fcr die handwerklichen T\u00e4tigkeiten fehlte ihm das Geschick.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Heilige lehrte, wie schon beschrieben, dass Gott die allumfassende Liebe sei, und dass man Ihn erkennen k\u00f6nne, wenn man heilige Lieder singt. Sie sprach ansonsten sehr wenig, meistens, wenn man mit ihr beisammensa\u00df, schwiegen alle im Raum. Aber das genau war es, was Frederick wollte. Er wollte seine Gedanken zum Schweigen bringen, endlich diesen nagenden Zweifeln und schlimmen Erinnerungen entfliehen. Die Falle, die darin liegt, das Vergessen n\u00e4mlich, konnte Frederick nicht sehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber zu Beginn war dieser Ashram die Erf\u00fcllung aller von Fredericks Tr\u00e4umen. Das Singen machte ihm Freude, obwohl er darin wenig begabt war, doch in einer Gruppe von ein paar Dutzend fiel das nicht weiter auf. Er fand auch schnell Freunde in der Besuchergruppe, alle nannten ihn Freddy, denn Frederick konnten nur die Westler aussprechen, und es waren mehr Inder da als Westler, der Ashram war damals noch ein Geheimtipp.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit das nicht so bliebe, ging die Heilige st\u00e4ndig auf Tour, und auch daf\u00fcr wurden die Besucher des Ashrams eingespannt. Die kannten ja s\u00e4mtliche Lieder der Heiligen, und \u00fcbten sie mehrmals t\u00e4glich. Sie waren deshalb der perfekte Chor f\u00fcr die Auftritte der Heiligen und gingen sogar mit auf die B\u00fchne. Eines Abends, nach einer dieser langen Fahrten in einem dieser schrecklich harten und unbequemen Busse, in gl\u00fchender Hitze und st\u00e4ndig im Staub, weil nat\u00fcrlich alle Fenster offenstanden, eines Abends traf Frederick mitten in der Auff\u00fchrung eine Erkenntnis wie ein Blitz, und er sang lauter und freudiger als bei jedem Konzert zuvor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Morgen wurde Frederick in das B\u00fcro des Ashrams zitiert. Er hatte falsch gesungen, und weil er das auch noch so laut getan hatte, hatte er das Darshan, indisch f\u00fcr \u201cGewahrnehmung\u201d, so nannte man die Konzerte; Frederick hatte das Darshan der Heiligen gest\u00f6rt. Er w\u00fcrde k\u00fcnftig nicht mehr mitfahren d\u00fcrfen, sagte man ihm streng. Doch es war bereits um Frederick geschehen. Ein paar Tage lang noch ertrug man ihn, dann ging es nicht mehr darum, ob er im Chor singen w\u00fcrde. Frederick st\u00f6rte inzwischen den ganzen Ashram, f\u00fcr ihn war alles Gott geworden, und aus dem Moment dieser letztlich banalen Erkenntnis w\u00e4hrend des Abends dieses besonderen Darshans kam er nicht mehr heraus und musste sie jedem best\u00e4ndig aufdr\u00e4ngen. Dummerweise, da es Frederick v\u00f6llig gleichg\u00fcltig war, wie ein Gegen\u00fcber auf ihn reagierte, denn es war immer nur Gott, ob der andere nun l\u00e4chelte oder tadelte; dummerweise konnte niemand noch Frederick erreichen, denn er hatte sich in Gef\u00fchlen und im Vergessen verloren. Und so kam es, wie es kommen musste. Die Heilige warf Frederick aus dem Ashram, er war zu einer Gefahr f\u00fcr ihren Ruf geworden, Besucher k\u00f6nnten ausbleiben oder verfr\u00fcht abreisen, wenn sie sehen w\u00fcrden, was der Einfluss der Heiligen, zumindest f\u00fcr den einen oder anderen, zu bewirken vermochte. Frederick wusste es nicht, aber er war zu einem Schandfleck f\u00fcr den Ashram geworden und man setzte ihn vor die T\u00fcr, mutterseelenallein in einer der \u00e4rmsten Gegenden von S\u00fcdindien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Egal wohin Frederick sich in dem Dorf, in welchem der Ashram lag, auch wandte, jeder wies ihm die T\u00fcr. Er irrte durch die kleine Siedlung, es begann dunkel zu werden. Ich werde am Strand schlafen, dachte Frederick. Er machte sich auf den Weg zum Meer hinunter. Dort waren windschiefe und notd\u00fcrftig aus Strandgut gezimmerte H\u00fctten, es war der Slum, in dem die Fischer lebten. Aber Frederick klopfte an keine T\u00fcr, es war ihm klar geworden, dass niemand mehr mit ihm reden wollte. Er warf seinen Rucksack in den Sand und legte sich, wie er war, ohne Decke oder Kissen in die D\u00fcnen. Dort w\u00fcrde er schlafen, Gott w\u00fcrde nach ihm sehen. Denn man mag es wohl glauben, dass Frederick ausgehungert war und fror, und in gro\u00dfer Gefahr war, aber eines wusste Frederick noch immer ganz gewiss: Dass alles das Gott war, und dass nichts geschehen k\u00f6nne, dass nicht Er war. Und Frederick sp\u00fcrte nichts mehr au\u00dfer diesem.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frederick hatte vergessen, was die L\u00f6wen sind, um es in einem Satz zu sagen. Er begann zu singen, falsch oder nicht, niemand w\u00fcrde es h\u00f6ren, aber Gott w\u00fcrde es h\u00f6ren, und das reichte ihm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Knabe, vielleicht 12 Jahre alt, setzte sich zu Frederick und h\u00f6rte ihm eine Weile zu. Er musste ihn singen geh\u00f6rt haben und wollte wohl wissen, wer da am Abend alleine am Strand war. Als Frederick das Mantra, einen heiligen Gesang, beendet hatte, l\u00e4chelte er den Jungen an. \u201cNam?\u201d fragte er und zeigte auf den Jungen. \u201cKrishna\u201d, sagte der Junge und deutete ebenfalls auf Frederick: \u201cNam?\u201d \u201cFreddy\u201d, sagte Frederick und musste dann, als der Junge es zu wiederholen versuchte, \u00fcber die seltsame Aussprache seines Namens lachen. Mehr Wortschatz stand den beiden jedoch nicht zur Verf\u00fcgung, sie versuchten also, sich mit Zeichensprache zu verst\u00e4ndigen, aber auch damit kamen sie nicht weit. Sie gingen dazu \u00fcber, Bilder in den Sand zu zeichnen, und, man mag es kaum glauben, der Junge war der erste, der verstand, was Frederick schon seit Tagen so unbedingt jedem sagen wollte, n\u00e4mlich, dass Gott alles ist, und dass es nichts au\u00dfer diesem zu wissen gibt. Frederick \u00fcberlegte, welches Mantra der Junge kennen w\u00fcrde, und dann fiel es ihm ein, das Ganesh Mantra zu Ehren des Gottes, der ein Junge mit dem Kopf eines Elefanten ist. Weil es Gl\u00fcck in jedes Haus bringen soll, in dem es gesungen wird, wei\u00df es jeder Hindu. \u201cJay Ganeshe, jay Ganeshe, jay Ganeshe Deva, Mata teri Paravati, Pita maha Deva\u201d, gelobt seist Du Ganesha, gelobt seist Du Ganesha, gelobt seist Du Gott Ganesha, Deine Mutter ist Parvati und Dein Vater der gro\u00dfe Gott (Shiva).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mond ging auf. Gro\u00df und orange stand er am Himmel \u00fcber dem Meer, aber Frederick war sicher, das war nicht der Mond, sondern ein UFO, das gekommen war, um dem Gesang der beiden zu lauschen. Krishna zupfte ihn am \u00c4rmel und zeigte in die Richtung des Fischerdorfes. Frederick wollte nicht gehen, ihm war, als w\u00fcrde er alle Wunder des Universums sehen, er wollte f\u00fcr immer bleiben an diesem Strand. Aber der Junge lie\u00df nicht locker, und so gab Frederick, ein wenig ver\u00e4rgert zwar, nach, und Krishna f\u00fchrte ihn ins Dorf. Es war zu klein, um einen eigenen Tempel zu haben, aber ein wenig abseits lag eine heilige Feuerstelle f\u00fcr durchreisende Sadhus (wandernde Hindu-M\u00f6nche). Man erkennt diese Stellen daran, dass ein Dreizack in der Asche einer gemauerten Feuerstelle steckt. Dorthin brachte der Junge Frederick und bedeutete ihm, auf ihn zu warten, als er in der Dunkelheit verschwand. Krishna kam zur\u00fcck mit einer Decke, und zeigte mit gefalteten H\u00e4nden an seinem Ohr, dass Frederick nun schlafen solle auf einer der Bastmatten, die um die Feuerstelle ausgelegt waren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Morgen war der Junge wieder da und hatte nicht nur hei\u00dfen Tee und Brot mitgebracht, sondern auch einen alten Mann aus dem Dorf, der des Lesens kundig war. Der alte Mann studierte die Reiseunterlagen von Frederick und begann dann mit einer langen Erkl\u00e4rung an den Knaben, von der Frederick nat\u00fcrlich kein Wort verstand. Aber der Junge nickte, und als Frederick gegessen hatte, machte er sich mit Frederick auf den Weg \u00fcber weite Felder und von Ochsenkarren gefurchte Wege in die n\u00e4chstgelegene kleine Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frederick sah aus dem Fenster des Busses, der ihn in die Hauptstadt bringen w\u00fcrde, damit er seinen Flug zur\u00fcck nach Europa nehmen konnte. Er winkte dem Jungen zu, und als der Bus losfuhr, zerbrach der Zauber, der Fredericks Geist so lange gefesselt hatte. Ja, Gott ist alles, dachte er, aber die Menschen sind es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie heilig sind die, die wir heilig nennen, gegen\u00fcber jedem Kind?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er sah aus dem Fenster des Flugzeugs. 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