{"id":673,"date":"2022-12-15T05:39:27","date_gmt":"2022-12-15T04:39:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=673"},"modified":"2022-12-17T06:40:44","modified_gmt":"2022-12-17T05:40:44","slug":"unsichtbare-ketten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2022\/12\/15\/unsichtbare-ketten\/","title":{"rendered":"Unsichtbare Ketten"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cDer Leiter der Pr\u00e4senz war Ihr Vater, nicht wahr\u201d? Nexim II. nickte. \u201cEr ist bis zum Schluss auf dieser Welt geblieben und dort auch gestorben. Ich wurde empfangen bei einem seiner seltenen Heimaturlaube, und ich habe ihn w\u00e4hrend meiner Kindheit nur wenig gesehen. Aber einmal habe ich ihn bei seiner Arbeit besucht, und da war ich sehr stolz auf ihn. So eine wundersch\u00f6ne Welt\u2026 was mir am besten gefiel, er hielt sich immer im Hintergrund, die meisten der Wesen wussten gar nichts von ihm und unserer Art.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cNaja\u201d, sagte der Staffelf\u00fchrer. \u201cVielleicht war das ein Fehler. Dadurch haben die Wesen nie verstanden, dass es andere Welten gibt. Und das hat den Fremden er\u00f6ffnet, sie heimlich zu manipulieren und zu beherrschen. Nat\u00fcrlich, es kommt immer auf die Absichten an, aber ich finde, man muss es ber\u00fccksichtigen im Urteil \u00fcber die Wesen. Dass die nicht merken konnten wie ihnen geschieht, ist, finde ich, ein St\u00fcck weit auch unser Fehler.\u201d<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gespr\u00e4ch mit dem Staffelf\u00fchrer verfolgte Nexim II. \u00fcber Tage. Der unfreieste Sklave ist der, der nicht wei\u00df, dass er ein Sklave ist, hatte der Staffelf\u00fchrer hinzugesetzt. Und Nexim II. musste akzeptieren, dass daran etwas Wahres ist. Wie soll sich ein Sklave auflehnen, seine Freiheit einfordern \u2013 wenn er noch nicht einmal wei\u00df, dass er gefangen ist? Nexim II.s Bild von seinem Vater hatte Risse bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es waren nur noch zwei Tage bis zur Invasion. Alle Pl\u00e4ne waren festgelegt und besprochen. Zun\u00e4chst w\u00fcrde es nur um die Befestigung eines Br\u00fcckenkopfes gehen, und dann w\u00fcrde man ganz \u00f6ffentlich ein alternatives System errichten und darauf bauen, dass die Wesen von ganz alleine \u00fcberlaufen w\u00fcrden. Man wollte es sich zu Nutze machen, dass die Fremden heimlich operierten, fast niemand von den Wesen wusste, dass sie \u00fcberhaupt da waren. Wobei es eines der Ziele der Mission war, herauszufinden, warum die Fremden das taten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die letzte Nachricht der Pr\u00e4senz hatte nach 4.500 Jahren die Heimatwelt erreicht, und nach langen Diskussionen im Forschungsrat war entschieden worden, dass wegen der alten und l\u00e4ngst vergessenen Pr\u00e4senz auf dieser Welt dennoch weiterhin eine Verantwortung gegen\u00fcber den Wesen bestand. Doch es war hoch hergegangen, nat\u00fcrlich war zun\u00e4chst eine Fernerkundung durchgef\u00fchrt worden, und was dabei herausgekommen war, war be\u00e4ngstigend. \u201cDiese Wesen sind zu dominant\u201d war seinerzeit das Hauptargument gegen die Pr\u00e4senz auf dieser Welt gewesen, und wie richtig das gewesen war, konnte man nun auf das Erschreckendste sehen, denn die Fremden hatten eben jene Eigenschaft gezielt benutzt und sogar gesch\u00fcrt. Und es war eine ziemliche H\u00f6lle, die dabei herausgekommen war. St\u00e4ndig Kriege und Hungersn\u00f6te, und wie krank die Wesen allesamt waren! Was den Forschungsrat aber am meisten verst\u00f6rte, das waren die extreme Grausamkeit und Gewalt, die \u00fcberall, und vor allem besonders schlimm gegen den Nachwuchs der Wesen, ver\u00fcbt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber es war klar, dass die Grausamkeit und Gewalt von den Fremden, \u00fcber den den Wesen innewohnenden Grad hinaus, gesch\u00fcrt wurden; und die brachten die Wesen mit vielerlei Mitteln dazu, das sogar freiwillig auszu\u00fcben. Nur&nbsp;<em>warum<\/em>&nbsp;die Fremden das taten, das war unbekannt. Und den Grund daf\u00fcr zu finden, das war ein weiteres Ziel der Mission.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cEine getarnte Flotte von Raumschiffen hat sich in Verwaltungseinheit Ost 6 materialisiert. Ihre Tarnung war so gut, dass wir sie erst kurz vor der Landung orten konnten. Erwarte Anweisungen.\u201d Der Sektionschef drehte sein Implantat zur Gef\u00fchlsunterdr\u00fcckung auf maximale Leistung. Er hatte panische Angst, so etwas hatte er noch nie gesehen. Ja, Einheit 1 versprach bei seinen w\u00f6chentlichen Motivationen immer, dass solcherart Technologie bald kommen w\u00fcrde, aber das sagte er schon seit Jahrtausenden. Er m\u00fcsste einmal hier sein, dachte der Sektionschef, und sich selber ansehen, mit welch unfassbaren Schwierigkeiten wir dauernd zu k\u00e4mpfen haben, dann w\u00fcrde er nicht so gro\u00dfe T\u00f6ne spucken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cSofort angreifen und vernichten. Alle K\u00e4mpfer und schweres Ger\u00e4t zusammenziehen und mit maximaler Truppenst\u00e4rke vorgehen.\u201d Die Antwort der Zentrale war erst nach merklicher Verz\u00f6gerung gekommen, ein Zeichen, dass der Rechenkern mit der Vielzahl der Variablen \u00fcberfordert gewesen war. Wenn wir endlich Computer-Fertigung hier h\u00e4tten, dachte der Sektionschef. Der alte Rechner aus dem Schiff des Expeditionstrupps war inzwischen hoffnungslos \u00fcberfordert mit der gestiegenen Komplexit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cNegativ\u201d, funkte der Sektionschef zur\u00fcck. \u201cIch gehe davon aus, dass uns die Invasionsflotte technologisch himmelhoch \u00fcberlegen ist.\u201d Doch die Zentrale blieb hart.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie kamen auf Pferden. Viele hatten nur Pfeil und Bogen, aber manche auch m\u00fchselig und nach jedem Schuss neu zu beladende Musketen, die Bleikugeln verschossen. Das tats\u00e4chlich gr\u00f6\u00dfte Problem f\u00fcr die Mission waren aber die Katapulte, mit denen die Wesen riesige Steinbrocken und mit Pech bestrichene brennende Holzkl\u00f6tze warfen. Doch die Taktik des Forschungsrats ging auf. Leider gab es in der ersten Welle zwar viele Tote auf Seiten der Wesen, aber als Nexim II. in schimmernder R\u00fcstung vor die Wesen trat, in den Augen der Wesen gro\u00df wie ein Riese, und die Kugeln der Musketen wirkungslos an ihm abprallten, da warfen sich die Wesen in den Staub, und ihre Armee l\u00f6ste sich in heilloser Konfusion auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst dann erschienen die Maschinen der Fremden am Horizont, und griffen mit leistungsf\u00e4higen Strahlenwaffen an. Aber diese zweite Mission war kein friedliches Forschungs- und Entwicklungsteam. Nexim II. war Mitglied einer Eliteeinheit, und die Mission verf\u00fcgte \u00fcber die beste Waffentechnik seines Volkes. Es war ein ungleicher und kurzer Kampf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So gab es denn alsbald zwei Welten auf dieser Welt. Eine rasch erbl\u00fchende, in der das Goldene Gesetz herrschte, und damit auch das Gl\u00fcck. Die beiden Spezies waren Freunde geworden in dieser einen Welt. Und es gab eine zweite, dunkle, Welt, die nicht erkennen lie\u00df, was ihre Absichten waren. In dieser zweiten Welt waren die Wesen Sklaven ohne es zu wissen. Zu Anfang begriffen viele Sklaven-Wesen noch sehr schnell, was mit ihnen geschehen war, und schlossen sich der zweiten Pr\u00e4senz an. So dass die Pr\u00e4senz zu Beginn sich rasch ausbreiten konnte. Doch die Fremden reagierten nach der ersten Niederlage bewunderungsw\u00fcrdig kaltbl\u00fctig, und setzten eine Legende in Umlauf, welche den Sklaven-Wesen so sehr den Kopf verwirrte, dass sie sich sogar eher selbst get\u00f6tet h\u00e4tten, als anzuerkennen, dass es andere Wesen anderswo \u00fcberhaupt geben k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das brachte den Plan des Forschungsrates zu einem recht abrupten Halt. Man hatte zwar ein erhebliches Gebiet befreit, aber weiter ging es nicht mehr. Schlie\u00dflich, die Wesen umzubringen, um sie aus der Gewalt der Fremden zu l\u00f6sen, war ausgeschlossen. Aber genau so hatten die Fremden die Wesen programmiert. Die Wesen t\u00f6teten sich nun tats\u00e4chlich lieber selbst, als der Wahrheit zuzuh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nexim II. ordnete die Evakuierung an. Er w\u00fcrde keines der Wesen mitnehmen, so schwer es ihm auch fiel. Die von den Fremden ausgel\u00f6ste drei\u00dfig Meter hohe Schlammflut w\u00fcrde die meisten t\u00f6ten, aber Nexim II. hatte beschlossen, dass es von Anfang an ein Fehler gewesen war, die Pr\u00e4senz \u00fcberhaupt zu errichten. Nach wie vor verstand er nicht, warum die Fremden eigentlich taten, was sie taten. Was war das Ziel? Noch r\u00e4tselhafter aber war es Nexim II., warum die Wesen die Fremden bei diesem unbekannten Ziel sogar unterst\u00fctzten. Denn auch die Wesen wussten nicht, was das Ziel war, man hatte viele eingehend befragt. Von den Fremden aber hatte man nie einen lebendig in die Finger bekommen. Die Fremden erschienen schon aus der Ferne tot, kein Gedankenkontakt war m\u00f6glich, aber n\u00e4herte man sich ihnen, schalteten sie sich einfach ab. Und waren tot, nichts konnte man sie noch fragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein, Nexim II. w\u00fcrde keines der Wesen mitnehmen. Die Niederlage gegen die Fremden hatte seine Einstellung gegen\u00fcber den Wesen ver\u00e4ndert. Er begriff einfach nicht, warum, bei all den schrecklichen Dingen, die die Fremden auf dieser Welt und mit den Wesen vornahmen, die Wesen freiwillig immer weiter mitmachten, so viele sogar, dass gegen ihre schiere Zahl sogar die technologische \u00dcberlegenheit versagt hatte. Ja, die Fremden verf\u00fcgten \u00fcber sehr gute M\u00f6glichkeiten der Gedankenkontrolle, aber das waren doch trotzdem alles immer und immer wieder nur L\u00fcgen? Warum denken die Wesen nicht nach? Und Nexim II. sah es inzwischen so \u2013 entweder die Wesen konnten sich nicht wehren gegen die L\u00fcgen, dann sollte man sie aufgeben. Oder sie wollten sich nicht wehren gegen die L\u00fcgen, dann sollte man sie erst recht aufgeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wesen w\u00fcrden alleine ihren Weg finden m\u00fcssen. Nexim II. verstand nun viel besser, warum sein Vater die Wesen so im Stillen belassen hatte. Er hatte gewollt, dass die Wesen in freier Wahl gedeihen konnten. Und wie es anders herum aussah, wenn also Fremde keine Wahl belie\u00dfen, das hatte Nexim II. in den vergangenen Jahrzehnten zur Gen\u00fcge erleben m\u00fcssen, und es war schrecklich mit anzusehen gewesen. Und Nexim II. wusste deshalb nun aus eigener Anschauung, dass sein Vater bei den Guten gewesen war, und die Zweifel, die das Gespr\u00e4ch mit dem Staffelf\u00fchrer kurz vor der Invasion vor Jahrzehnten ges\u00e4t hatte, diese Risse im Bild des Vaters verlie\u00dfen Nexim II.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein Kreuzer sprang in den Hyperraum. Euch Wesen dieser Welt alles Gute, dachte Nexim II. Er w\u00fcrde dem Forschungsrat berichten. Und zwei Tr\u00e4nen rollten \u00fcber seine blauen Wangen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cDer Leiter der Pr\u00e4senz war Ihr Vater, nicht wahr\u201d? Nexim II. nickte. \u201cEr ist bis zum Schluss auf dieser Welt geblieben und dort auch gestorben. Ich wurde empfangen bei einem seiner seltenen Heimaturlaube, und ich habe ihn w\u00e4hrend meiner Kindheit nur wenig gesehen. 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