{"id":666,"date":"2022-12-04T05:58:33","date_gmt":"2022-12-04T04:58:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=666"},"modified":"2025-12-17T07:41:13","modified_gmt":"2025-12-17T06:41:13","slug":"die-frau-mit-den-goldenen-augen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2022\/12\/04\/die-frau-mit-den-goldenen-augen\/","title":{"rendered":"Die Frau mit den goldenen Augen"},"content":{"rendered":"\n<p>Er hob sein Schwert und schlug zu. Es ging glatt durch die Brust, das Kind konnte noch nicht einmal mehr schreien. Der Knabe sah den Soldaten an, und seine Augen brachen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cRaus mit dem Gold, sonst kommt das n\u00e4chste dran!\u201d schrie Richard, berauscht von seiner Macht \u00fcber das Leben. Sein Schwert zeigte auf den Kopf des kleinen M\u00e4dchens. Die Mutter weinte. \u201cBitte nicht auch noch meine Tochter, ich habe Euch doch l\u00e4ngst alles gegeben, mehr besitze ich nicht!\u201d Und sie warf sich vor das M\u00e4dchen, die H\u00e4nde flehend zum Gebet erhoben.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Richard gab auf. Wozu viel Zeit hier verschwenden, dachte er. Sie wird wohl wirklich nichts mehr haben, der M\u00fcller im n\u00e4chsten Dorf ist das lohnendere Ziel. Und endlich lie\u00df er ab und bestieg sein Pferd.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Mutter kam ein langer harter Winter. Es war ihr letzter, und niemand aus ihrer Familie \u00fcberlebte. Denn die Mutter hatte die Wahrheit gesagt: Sie hatte wirklich alles dem Soldaten gegeben, und so war ihr nichts geblieben, um \u00fcber den Winter zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Winter war vorbei. Richard genoss auf dem Heimritt die Strahlen der Fr\u00fchlingssonne. \u201cDie Ausbeute deiner Eins\u00e4tze ist sehr gut seit langem\u201d, hatte der Burgherr gesagt. \u201cIch bef\u00f6rdere dich zum Hauptmann.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Da das mit einem h\u00f6heren Sold einherging, war Richard bester Laune. Er w\u00fcrde sein Weib am Abend in die Taverne f\u00fchren. Wie sie sich freuen w\u00fcrde! Er schwelgte in seiner Vorstellung davon, aber als er nach Hause kam, fand er Marie weinend. Sie weinte so bitterlich, dass er es ihr nicht sagen konnte, dass man ihn bef\u00f6rdert hatte. \u201cWas ist denn, mein Liebes?\u201d fragte er, und Marie sagte schluchzend: \u201cEs ist Peter, er ist so krank, was sollen wir nur tun?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Peter war Richards Sohn, 7 Jahre alt, und gewitzt und frech. Richard war sehr stolz auf ihn, denn Peter sagte immer, dass er auch ein Soldat werden wolle wie sein Vater, und er prahlte bei all seinen Freunden, dass sein Vater das sch\u00e4rfste Schwert f\u00fchre, \u201ces ist in der H\u00f6lle geschmiedet, so scharf ist es!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Doch nun lag Peter keuchend da, das Gesicht schwei\u00dfnass und bleich. \u201cPapa, warum kann ich nicht atmen?\u201d, mehr bekam er nicht heraus. Richard sattelte wieder auf, um den Bader zu holen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch auch die \u00e4rztliche Kunst konnte nicht helfen. Der Bader war gegangen, Peter schlief nun, aber dass es ihm nicht besser ging, das h\u00f6rte man am Rasseln in seiner Kehle.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cEs nennt sich Tussis convulsiva\u201d, sagte Richard zu seiner Frau. \u201cDas ist der lateinische Namen f\u00fcr diesen keuchenden Husten. Viele Kinder bekommen es, meint der Bader, und es sei gef\u00e4hrlich. Viele Kinder w\u00fcrden daran sterben. Wir sollen beten, hat er gesagt, und auf die Gnade Gottes hoffen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Richard sah auf zu der Gestalt am Kreuz. Die Bank in der Kirche war eiskalt, die Lehne schnitt ihm quer \u00fcber den R\u00fccken. \u201cDein eigenes Leben konntest du nicht retten, aber ich soll glauben, dass du das seine retten wirst. Pah. Aber ich werde hier sitzen, wenigstens eine halbe Stunde, f\u00fcr Peter ist mir nichts zu schwer.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Sonnenstrahl fiel auf den Altar. Im bunten Licht der bemalten Kirchenfenster tanzte der Staub. Ich werde jetzt gehen, entschied Richard. Er stand auf, wandte sich um. Auf der Bank hinter ihm sa\u00df ein L\u00f6we. Er sa\u00df da wie ein Mensch, den R\u00fccken an die Lehne gest\u00fctzt, und die Hinterl\u00e4ufe baumelnd \u00fcber die Bank. Der L\u00f6we machte eine Handbewegung neben sich. \u201cSetz dich doch noch ein wenig zu mir\u201d, sagte der L\u00f6we.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cWer bist du?\u201d fragte Richard. Der L\u00f6we entbl\u00f6\u00dfte sein rasiermesserscharfes Gebiss. Das sollte wohl ein L\u00e4cheln sein, aber Richard erzitterte vor Angst \u2013 f\u00fcr sprechende L\u00f6wen reichte auch sein Soldatenmut nicht. \u201cIch bin nur ein Diener, es tut nichts zur Sache\u201d, sagte der L\u00f6we. \u201cDu willst also deinen Sohn retten. Kennst du das Gesetz der Vergeltung?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Die Augen des L\u00f6wen ver\u00e4nderten sich, sie wurden zu den Augen eines Knaben, der mit zerteilter Brust den Soldaten sterbend ansah. Richard begann zu weinen. Er begriff, das Schicksal seines Sohnes war besiegelt, und der, der da vor ihm sa\u00df, das war der Richter.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;F\u00fcr jedes Kind, das du get\u00f6tet hast, wirst du eines verlieren. Und du wirst nicht nur der sein, der das Kind verliert, du wirst auch das Kind sein, das get\u00f6tet wird. Actio ist gleich Reactio, sagen eure Gelehrten, jeder Kraft steht eine gleich gro\u00dfe Gegenkraft entgegen. Das Universum duldet kein Ungleichgewicht. Der Hass, den du in die Welt entlassen hast, ist wie ein Stein, den du in die Luft wirfst \u2013 er muss fallen. Vielleicht denkst du, soviel Zeit g\u00e4be es doch gar nicht. Aber die Zeit fing niemals an, und sie h\u00f6rt niemals auf. Alles, was du getan hast, kehrt zu dir zur\u00fcck, und wenn der Herr daf\u00fcr 10 neue Galaxien erschaffen m\u00fcsste.&#8220; Der Richter sah Richard an.<\/p>\n\n\n\n<p>Richard schwieg lange. Dann sagte er: \u201cBitte verschone mein Kind. Ich verspreche dir, wenn Peter wieder gesund wird, dann entsage ich dem Dienst und werde bis ans Ende meiner Zeit nur noch den Armen helfen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Der L\u00f6we r\u00e4usperte sich. \u201cEs gibt nur einen Weg, und ich habe \u00fcber ihn nicht zu befinden. Der Zimmermannssohn dort am Kreuz hat ihn euch gezeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cAuge um Auge, Zahn um Zahn, so steht das Gesetz von Kraft und Gegenkraft in eurer Bibel. Und dass nur Vergebung dieses ewige Wirken brechen kann, das eben hat der Nazarener euch erkl\u00e4rt.\u201d Richard fiel wieder ein, an welche Familie ihn die seltsam ver\u00e4nderten Augen des L\u00f6wen erinnerten. \u201cDanke\u201d, sagte er zu dem L\u00f6wen. \u201cIch wei\u00df nun, was zu tun ist.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Der L\u00f6we erhob sich, breitete seine Fl\u00fcgel aus und stieg auf. Noch bevor er das Dach des Kirchenschiffs erreicht hatte, verschwand er, als w\u00e4re er niemals dagewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Richard ritt zu der H\u00fctte, die er im letzten Herbst um die Steuern ausgehoben hatte. Doch dort war niemand mehr. Er fragte die Nachbarin. \u201cDie sind alle tot. Die Soldaten haben ihnen alles genommen, dann kam der Winter und sie sind verhungert und erfroren. Sie liegen auf dem Armenfriedhof.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Niemand w\u00fcrde Richard vergeben, denn es war keiner mehr da. Er wusste es schon, als er in das W\u00e4ldchen einritt, das W\u00e4ldchen, in dem Peter immer so gern gespielt hatte. Die V\u00f6gel waren so still. Und sein Sohn lag starr und kalt, und Richard hatte keine Tr\u00e4nen mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen musste Richard wieder zum Dienst. Nat\u00fcrlich w\u00fcrde er keinen Urlaub bekommen, ihm keine Trauerzeit zugestanden werden. \u201cMach ein neues\u201d, mehr w\u00fcrde man ihm nicht hinraunzen, falls Richard \u00fcber Peters Tod auch nur sprechen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Richard war voller Wut und Tatendrang. Er hatte dem L\u00f6wen versprochen, f\u00fcr die Armen zu k\u00e4mpfen, wenn er Peter retten w\u00fcrde, aber Peter war tot. Der L\u00f6we wird schon sehen was er davon haben wird, dachte er. Ich werde mich an den Armen r\u00e4chen f\u00fcr Peters Tod, so sehr, dass der L\u00f6we w\u00fcnschen wird, er h\u00e4tte Peter blo\u00df gerettet!<\/p>\n\n\n\n<p>Richard musste austreten. Als er sich erleichtert hatte, und sich umwandte, um wieder auf sein Pferd zu steigen, erschien der L\u00f6we. Er stand aufrecht auf den Hinterl\u00e4ufen, die Vorderpfoten vor der Brust verschr\u00e4nkt. Seine Fl\u00fcgel waren weit ge\u00f6ffnet, diesmal zeigte er sie Richard von Anfang an. \u201cNicht so schnell\u201d, grollte der L\u00f6we. \u201cNoch b\u00f6ser willst du werden, als du es sowieso schon warst, was soll denn das werden? Wird der Herrgott extra f\u00fcr dich ein Universum bauen m\u00fcssen, damit du f\u00fcr immer die Qual erleidest die du zuf\u00fcgst? Hast du das Gesetz schon vergessen?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Richard fiel auf die Knie. \u201cWir hatten eine Abmachung! Was bist du f\u00fcr einer, h\u00e4ltst dich nicht an den eigenen Vertrag, aber mir willst du Vorhaltung machen?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cVertr\u00e4ge kannst du mit dem Teufel machen so viel du willst. Ich mache keine Vertr\u00e4ge. Du scheinst da etwas zu verwechseln. Es bin nicht ich, der dir Vergebung gibt \u2013 dein Opfer ist es. Zu dumm, dass du sie alle auf dem Gewissen hast, und keiner mehr da ist, dir zu vergeben. Aber wenn du so weiter machen willst, bitte, der Herrgott hat mehr Zeit als du. Nur warnen wollte ich dich doch ein letztes Mal.\u201d Und mit diesen Worten stieg der L\u00f6wenengel auf und flog in die Wolken.<\/p>\n\n\n\n<p>Richard ritt weiter, doch als er beim Schloss angekommen war, gab er dem Burgherren sein Schwert. \u201cIch lege den Dienst nieder, mein Lord.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Abends erz\u00e4hlte er es ihnen. Alles. Wieviele Kinder und Frauen er get\u00f6tet hatte, bevor er zu ihnen gekommen war. Sie sa\u00dfen ums Feuer und lie\u00dfen sich den frisch erlegten Hirsch schmecken. Endlich war das wieder ihr Wald, der Fremde aus dem Norden hatte die Soldaten des F\u00fcrsten vertrieben. Und dann kam Richard mit so etwas. Alle schwiegen erschrocken.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Alte erhob die Stimme. \u201cGestern ist vorbei. Du bist ein anderer geworden seither.\u201d Sie wandte sich an die Gruppe. \u201cEr hat soviel f\u00fcr uns getan, und ich glaube ihm, dass er bereut. Ich will ihm vergeben. Was sagt ihr?\u201d Und einer um den anderen nickte, bis sie alle genickt hatten. Die Alte sah Richard an, und ihre Augen hatten den goldenen Glanz eines L\u00f6wen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er hob sein Schwert und schlug zu. Es ging glatt durch die Brust, das Kind konnte noch nicht einmal mehr schreien. Der Knabe sah den Soldaten an, und seine Augen brachen. \u201cRaus mit dem Gold, sonst kommt das n\u00e4chste dran!\u201d schrie Richard, berauscht von seiner Macht \u00fcber das Leben. 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