{"id":604,"date":"2022-05-04T11:11:11","date_gmt":"2022-05-04T09:11:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=604"},"modified":"2022-05-07T05:43:27","modified_gmt":"2022-05-07T03:43:27","slug":"kinder-des-lichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2022\/05\/04\/kinder-des-lichts\/","title":{"rendered":"Kinder des Lichts"},"content":{"rendered":"\n<p>Die meisten Tage vergingen nun im Nebel. Nur selten wusste Therese noch, wer und wo sie war. Heute aber lachte die Sonne, und die V\u00f6gel sangen. Therese sa\u00df in ihrem Rollstuhl im Park vor dem Pflegeheim, und freute sich an der W\u00e4rme des Fr\u00fchlings.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch ihr Herz wog schwer, bestimmt w\u00fcrde auch heute niemand kommen, sie zu besuchen. Das ist nun alles, was mir geblieben ist, dachte sie. Ein langes Warten auf den Tod. Es w\u00fcrde mir so viel bedeuten, jetzt zu wissen, dass ich das Leben weitergegeben habe\u2026 Eine kleine Tr\u00e4ne kullerte \u00fcber ihre Wange.<\/p>\n\n\n\n<p>Damals, an der Uni, war sie sich so sicher gewesen. Kinder sind blo\u00df l\u00e4stig. Ganz besonders f\u00fcr Frauen, Karriere kann man vergessen, wenn man so ein W\u00fcrmchen an der Backe hat. Aber Therese wollte unbedingt Karriere machen, sie tr\u00e4umte vom Nobelpreis. Und so arbeitete sie hart, jeden Tag, kein Raum f\u00fcr Vergn\u00fcgen, und schon gar nicht, um einen Gef\u00e4hrten zu finden.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der Doktor, mit Auszeichnung. Die Berufung in die internationale Forschergruppe zur Entwicklung eines Herzinsuffizienz-Medikaments. Der hochdotierte Vizepr\u00e4sidentin-Posten bei dem internationalen Pharma-Konzern.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber mit 40 begann das Sehnen. Da war dieser Kollege. Seine Frau war bei der Geburt seines Kindes gestorben, und er hatte es nicht weggegeben, sondern eine jahrelange Auszeit genommen, um es gro\u00dfzuziehen. Sehr hart war das wohl gewesen, er erz\u00e4hlte oft, wie er jeden Morgen die Sonderangebote gew\u00e4lzt hatte, um mit minimalsten Mitteln \u00fcber die Runden zu kommen. Ein paar Jahre sp\u00e4ter, als er das Kind in den Schulhort geben konnte, war er aber wieder in den Beruf zur\u00fcckgekehrt, und hatte, wie es Therese schien, wieder gut Anschluss gefunden. Und immer wenn sie an seinem Tisch vorbeiging, und die Fotos von Festen, Sporttroph\u00e4en und Schultheaterauff\u00fchrungen sah, gab es Therese einen Stich.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit ein paar Jahren war Therese nun doch noch verheiratet, ihr Mann ein Arbeitsw\u00fctiger wie sie, erfolgreicher Jurist und an Nachwuchs g\u00e4nzlich uninteressiert. So hatte er nicht schlecht gestaunt, als Therese ihm vorschlug, ein Kind zu bekommen. \u201eDu bist reichlich sp\u00e4t dran, bist du sicher, dass du dein Leben komplett auf den Kopf stellen willst? Du wei\u00dft, ich kann dir nicht helfen, da m\u00fcsstest du schon alleine durch. Ich habe keine Zeit f\u00fcr sowas.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber, immerhin, er hatte sich nicht verweigert, und Therese setzte die Pille ab. Doch die Jahre gingen ins Land, und das erhoffte Gl\u00fcck wollte und wollte sich nicht einstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Sperling flog herbei und setzte sich auf die Bank neben Thereses Rollstuhl. Na, der ist aber zutraulich, staunte Therese. Vielleicht hofft er auf ein paar Brotkrumen?<\/p>\n\n\n\n<p>Als es immer offensichtlicher geworden war, dass es auf nat\u00fcrlichem Wege nicht klappen w\u00fcrde, hatten Therese und ihr Mann die Hilfe der Reproduktionsmedizin gesucht. Aber auch mit dieser schrecklichen Tortur gelang es nicht. F\u00fcr Thereses Mann war es nat\u00fcrlich keine M\u00fche gewesen, aber die Hormonbehandlung, und die schmerzvolle Ovarien-Ernte\u2026 eines Morgens, zwei Stunden vor dem n\u00e4chsten Termin, war Schluss gewesen f\u00fcr Therese. Sie hatte abgesagt, und ihre Hoffnungen begraben. Der Arzt war am Telefon sehr verst\u00e4ndnisvoll gewesen, und riet ihr zu einer Adoption.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber zu einer Adoption war Thereses Mann nicht bereit. \u201eWei\u00dft du, was das dann f\u00fcr Gene mitbringt? Vielleicht wird es ein M\u00f6rder, oder ein Dieb, und damit soll ich mich herumschlagen? Auf keinen Fall.\u201c Und \u00fcber diesem Zwist zerbrach Thereses Ehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Scheidung hatte Therese versucht, alleinstehend zu adoptieren, aber obwohl das zwar grunds\u00e4tzlich m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, und Therese die enorme finanzielle Belastung zu tragen bereit war, war Therese nun zu alt und das Jugendamt teilte ihr mit, dass es aussichtslos sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Was blieb Therese \u00fcbrig, sie st\u00fcrzte sich wieder in die Arbeit, allein schon, um mit \u00dcberstunden den abendlichen Horror der leeren Wohnung m\u00f6glichst lange hinauszuz\u00f6gern.<\/p>\n\n\n\n<p>So zogen die Jahre vorbei, und dann hatte das mit den \u201eAussetzern\u201c angefangen. Zu Beginn hatten die Tabletten noch geholfen, aber es wurde immer mehr. Die Dosis musste st\u00e4ndig erh\u00f6ht werden, und die Nebenwirkungen wurden schlimmer und schlimmer. Noch eine Tablette gegen die Nebenwirkungen, und noch eine gegen die Nebenwirkungen von der. Und noch eine, und noch eine.<\/p>\n\n\n\n<p>Therese musste in Fr\u00fchpension gehen, doch das war kein Problem. Ihr Verdienst w\u00e4hrend ihrer Berufszeit war sehr hoch gewesen, so dass sie auch mit der geschm\u00e4lerten Rente gut zurecht kam. Aber auch das ging nur noch ein paar Jahre gut, und als man sie dann einmal umherirrend und hilflos in der Stadt aufgegriffen hatte, musste sie in das Pflegeheim gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sperling begann zu singen. \u201eNa, du bist aber ein Lieber\u201c, sagte Therese. \u201eM\u00f6chtest du mich aufmuntern, oder hast du nur Hunger?\u201c Der Vogel tr\u00e4llerte weiter, und mit einem Mal geschah etwas Erstaunliches. Therese konnte den Vogel verstehen. Obwohl sie ihn noch immer singen h\u00f6rte, war es Therese, als ob die Worte des Sperlings sich direkt in ihrem Kopf formten. \u201eWarum sollte ich Hunger haben?\u201c fragte er. \u201eEs ist Fr\u00fchling, \u00fcberall sind leckere W\u00fcrmer.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein, ich habe gesehen, dass du traurig bist und dachte, vielleicht freust du dich \u00fcber ein wenig Gesellschaft.\u201c Der Sperling legte sein K\u00f6pfchen schief und sah Therese freundlich an. Therese wurde es seltsam ums Herz. Ihm kann ich es doch erz\u00e4hlen, dachte sie. Er wird es keinem sagen. Und so klagte sie dem Vogel ihr Leid, wie einsam sie sich f\u00fchlte, und dass ihr Leben sinnlos gewesen war, weil nun keiner da war, sie zu tr\u00f6sten, und niemand ihre Fackel des Lebens weitertrug.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAch\u201c, sagte der Sperling, \u201eh\u00e4ttest du dich mal weniger mit Wissenschaft und mehr mit deiner Seele besch\u00e4ftigt, dann w\u00fcsstest du, dass es dein Licht ist, das du weitergibst. Und nicht irgendwelche Aminos\u00e4uren. Komm mit, ich zeige dir etwas.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Therese war ganz klein geworden, und huckepack flog der Sperling fort mit ihr in eine ferne Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie wird sterben\u201c, sagte der Arzt. \u201eEs tut mir sehr leid, aber sie ist zu fr\u00fch gekommen. Sie hat schwere Durchblutungsst\u00f6rungen in der Lunge, wir k\u00f6nnen nichts tun.\u201c Die Mutter weinte bitterlich. \u201eIch bin schon alt, wenn sie geht, dann werde ich kein Kind mehr bekommen k\u00f6nnen. Bitte, bitte, tun Sie doch etwas.\u201c Der Arzt gr\u00fcbelte. Er hatte neulich einen Bericht gelesen \u00fcber ein Medikament zur Behandlung von Herzinsuffizienz. Und dass das die erstaunliche Nebenwirkung hatte, die Durchblutung der Lunge zu verbessern. \u201eEs g\u00e4be vielleicht eine M\u00f6glichkeit. Es ist nicht zugelassen f\u00fcr Babys, und erst recht nicht f\u00fcr Fr\u00fchchen, aber wir k\u00f6nnten es versuchen.\u201c Das Kind \u00fcberlebte, und einige Jahre sp\u00e4ter war Thereses Medikament Mittel der Wahl zur Behandlung pr\u00e4nataler Lungenfunktionsst\u00f6rungen geworden. Doch Therese war es zu dieser Zeit schon viel zu schlecht gegangen, und so hatte sie niemals davon erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSiehst du\u201c, sagte der Sperling. \u201eDu bist Mutter f\u00fcr so viele, wie kannst du glauben, du h\u00e4ttest dein Licht nicht weitergetragen? Vor dem Herrn sind alle Wege gleich, nur dein Bem\u00fchen z\u00e4hlt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schwester kam, um Therese wieder hereinzuholen, und weil Therese so friedlich dasa\u00df und ein L\u00e4cheln war um ihren Mund, merkte sie es erst, als Thereses Kopf vorn\u00fcberfiel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die meisten Tage vergingen nun im Nebel. Nur selten wusste Therese noch, wer und wo sie war. 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