{"id":595,"date":"2022-04-20T05:46:38","date_gmt":"2022-04-20T03:46:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=595"},"modified":"2022-04-27T06:39:19","modified_gmt":"2022-04-27T04:39:19","slug":"auferstehung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2022\/04\/20\/auferstehung\/","title":{"rendered":"Auferstehung"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noch einen Schluck Korn, dachte Hans. Dann werde ich wieder vergessen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch heute hielt ihn die Vergangenheit in eisernem Griff, das gn\u00e4dige Dunkel des Rausches wollte und wollte nicht kommen. \u201ePapa, sag doch endlich was die \u00dcberraschung ist! Ich kann nicht mehr, ich will es jetzt wissen!\u201c Bennie h\u00fcpfte aufgeregt herum, und seine Augen strahlten. Wenn Papa so ein Riesending daraus macht, dann muss es etwas ganz Besonderes sein, Bennie war sich ganz sicher. \u201eNun warte doch noch ein Weilchen\u201c, sagte Hans. \u201eDer Liefertermin ist heute, und du darfst mir beim Aufbauen helfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hatte alle Termine f\u00fcr den Nachmittag abgesagt. Die Kunden seines Malerbetriebs w\u00fcrden sich f\u00fcr den neuen Wohnzimmeranstrich gedulden m\u00fcssen. Hans hatte immer so wenig Zeit f\u00fcr Bennie, aber bei den ersten Spr\u00fcngen auf dem m\u00fchsam erspartem Trampolin musste er unbedingt dabei sein. Und das konnte auf keinen Fall bis zum Wochenende warten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hans trank weiter, der scharfe Alkohol biss ihn in die Kehle. Es war ein lauer M\u00e4rz-Abend. Er beschloss, heute nicht ins Wohnheim zu gehen. Ich werde hier schlafen, es wird schon gehen, sagte er sich. Er sah in den Himmel, ein besonders heller Stern war schon aufgegangen. Hans richtete sich auf der Parkbank ein Lager her. Um zu verstehen, was eine klare M\u00e4rz-Nacht mit den Temperaturen im Park anstellen w\u00fcrde, war er l\u00e4ngst zu betrunken.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der Lehre hatte Hans sich ein paar Jahre als Geselle verdingt. Und sobald er den Meister bestanden hatte, seinen kleinen Betrieb aufgebaut. Bald darauf war seine liebe Frau in sein Leben gekommen, und als ihr Bauch rund wurde, setzte Hans alles daran, dass sein Kind im Gr\u00fcnen w\u00fcrde aufwachsen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bennie war sein ganzer Stolz. Er spielte Handball im Verein und war der Beste im Sport. 13 war er jetzt, und manchmal nahm Hans ihn mit zur Arbeit. \u201eEines Tages wirst du meinen Betrieb erben\u201c, sagte Hans oft zu Bennie. \u201eUnd dann wird er Hans und Sohn hei\u00dfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die \u00dcberraschung mit dem Trampolin war ein voller Erfolg gewesen. Bennie sprang stundenlang, und dachte sich immer neue Spiele aus. Dann war das mit den Saltos losgegangen. Immer wieder beschwor seine Ehefrau Hans, er solle das Bennie verbieten. Viel zu gef\u00e4hrlich, meinte sie. Aber Hans winkte ab. Es sind Jungs, die m\u00fcssen so. Diskussion beendet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die H\u00e4sin hoppelte durch den Garten. Was ist das denn f\u00fcr ein seltsames Tier, dachte sie. Es dreht sich in der Luft, wie geht das? Die H\u00e4sin blieb stehen und sah dem Gesch\u00f6pf fasziniert zu. Mit einem Mal aber tat das Wesen einen schrillen Schrei, und die H\u00e4sin flitzte davon.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hans reparierte gerade die Sp\u00fcle, aber dieser Schrei hatte diesen besonderen Ton. Wie alle Eltern wusste Hans am Klang sofort, dass das ein anderes war als der \u00fcbliche Kinderl\u00e4rm. Er rannte in den Garten. Bennie lag am Rand des Trampolins, sein Hals seltsam verdreht. Hans kletterte auf das Trampolin und legte seine Hand beruhigend auf die Brust des Jungen. \u201eWas ist passiert, mach dir keine Sorgen, das wird schon wieder.\u201c Aber Bennie konnte nicht mehr sprechen. Ein letztes Mal blickte er seinen Vater an, dann brachen seine Augen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuerst war seine Frau gegangen. Sie hatte versucht, tapfer zu sein, aber einmal hatte sie es Hans doch gesagt. \u201eDu bist schuld, dass er tot ist. So oft habe ich dich gebeten, ihm die Saltos zu verbieten, aber du wolltest einfach nicht h\u00f6ren.\u201c Dann zerfiel der Betrieb, Hans trank immer mehr, und die Kunden waren nicht mehr zufrieden. Und mit den Schulden f\u00fcr das Haus musste Hans Insolvenz anmelden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So trieb er sich nun also durch die Stadt, und wartete auf den Tod. Die Flasche war jetzt leer, Hans schlief endlich ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Junge packte seinen Ranzen. Wieder so ein langweiliger Tag, und Sport ist auch noch. Max w\u00fcrde ihn bestimmt wieder \u00e4rgern, Brillenschlange, B\u00fccherwurm, weil der Junge im Sport so ein Versager war. Aber was solls, tr\u00f6stete sich der Junge. Daf\u00fcr hab ich die besseren Noten in Deutsch. Wie jeden Tag machte er den Umweg durch den Park, der Junge liebte die Ger\u00e4usche der Natur am Morgen. Da liegt ja einer auf der Bank, dachte der Junge. Was macht der denn da? Er ging hin, um ihn sich anzusehen. Er brauchte ein wenig, um zu verstehen, doch dann zog er sein Handy aus der Tasche und w\u00e4hlte den Notruf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas ist bestimmt nur ein Obdachloser, der seinen Rausch ausschl\u00e4ft\u201c, sagte der Mann in der Einsatzzentrale. \u201eMach dir keine Sorgen.\u201c Aber der Junge lie\u00df nicht locker. \u201eIch habe gelesen, wenn die Lippen blau sind, dann ist das ein schlimmes Zeichen. Und seine Lippen sind blau! Ganz blau!\u201c Der Mann gab auf. \u201eOK, ich schicke jemanden r\u00fcber. Bitte warte dort.\u201c Der Junge aber rannte zur Stra\u00dfe, denn er hatte aus einem Erste-Hilfe-Buch gelernt, dass er dem Rettungswagen winken und ihm dann zeigen musste, wo der Einsatz war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hans sah nun das Licht, und er hatte keine Angst davor. Dort w\u00fcrde er endlich Frieden finden, er wusste es.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eHey Papa, wo willst du hin?\u201c Mit einem Mal flog Bennie neben ihm. Hans begann zu weinen. \u201eZu dir, mein liebes Kind, zu dir. Es tut mir so leid, was ich dir angetan habe.\u201c Bennie sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eDu hast mir gar nichts angetan. So ein sch\u00f6nes Leben hast du mir geschenkt, was redest du da?\u201c Doch Hans lie\u00df sich nicht beirren. \u201eDie Saltos, ich h\u00e4tte sie dir verbieten m\u00fcssen. Deine Mama hat es mir wieder und wieder gesagt, aber ich habe nicht auf sie geh\u00f6rt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWenn einer schuld ist, dann war es der Hase\u201c, erkl\u00e4rte Bennie bestimmt, und erz\u00e4hlte seinem Vater, wie er im Absprung pl\u00f6tzlich die H\u00e4sin gesehen hatte, und wie die ihn angeguckt hatte, als ob sie Bennie bewundern w\u00fcrde f\u00fcr seine Saltos. Wie Bennie sich dann verkantet hatte vor \u00dcberraschung, und er mit dem Hals auf die Stange geknallt war. \u201eUnd au\u00dferdem\u201c, rief Bennie, \u201eich h\u00e4tte doch ganz genauso auf Mama h\u00f6ren k\u00f6nnen. Sie hat es nicht nur dir gesagt!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDu kennst dich wirklich gut aus\u201c, sagte der Rettungssanit\u00e4ter zu dem Jungen. \u201eBei so etwas kommt es auf jede Minute an, und du hast alles richtig gemacht.\u201c Er stellte seinen Rucksack ab, und f\u00fchlte den Puls von Hans. \u201eEr lebt noch\u201c, sagte der Sanit\u00e4ter, \u201eaber er muss sofort ins Krankenhaus.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der Notfallversorgung, am Tag der geplanten Entlassung aus dem Hospital, bat Hans um ein Gespr\u00e4ch mit dem Arzt, und erz\u00e4hlte ihm von seinem Alkoholproblem. Der Arzt wusste, dass das Krankenhaus nur Verluste davon haben w\u00fcrde, und dass er \u00c4rger mit seinem Vorgesetzten bekommen w\u00fcrde, aber er schrieb Hans trotzdem eine \u00dcberweisung in die Psychiatrie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach einigen Wochen war Hans trocken. \u201eBitte geh nicht\u201c, hatte Bennie gesagt zum Abschied, als das Licht dunkel geworden war. Und das hatte Hans endlich den Mut f\u00fcr einen Neubeginn gegeben. Warum auch immer sein Sohn so fr\u00fch hatte sterben m\u00fcssen, er hatte Hans verziehen. Das Licht w\u00fcrde auf Hans noch warten m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Anzeige in der Zeitung war klein gewesen, doch das war Hans gerade recht gekommen. Ein gro\u00dfer Betrieb nimmt mich sowieso nicht, dachte er. Er stellte sich also vor. Nat\u00fcrlich kam die Rede auf die gro\u00dfe L\u00fccke im Lebenslauf, aber Hans nahm all seinen Mut zusammen und erz\u00e4hlte die ganze Geschichte, lie\u00df nichts aus, auch seine Alkoholsucht nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch will ganz offen sein\u201c, sagte der Chef. \u201eMan findet kaum noch Mitarbeiter. Wer etwas kann, geht fort, und die, die kommen, k\u00f6nnen nichts. Normalerweise w\u00fcrde ich Sie nicht einstellen, aber es ist so schwierig geworden, und Sie waren ehrlich mit mir. Bitte entt\u00e4uschen Sie mich nicht, Sie fangen nach Ostern an.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch einen Schluck Korn, dachte Hans. Dann werde ich wieder vergessen k\u00f6nnen. Doch heute hielt ihn die Vergangenheit in eisernem Griff, das gn\u00e4dige Dunkel des Rausches wollte und wollte nicht kommen. \u201ePapa, sag doch endlich was die \u00dcberraschung ist! 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