{"id":560,"date":"2021-12-21T06:01:17","date_gmt":"2021-12-21T05:01:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=560"},"modified":"2021-12-23T23:09:52","modified_gmt":"2021-12-23T22:09:52","slug":"die-muehle-der-ewigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2021\/12\/21\/die-muehle-der-ewigkeit\/","title":{"rendered":"Die M\u00fchle der Ewigkeit"},"content":{"rendered":"\n<p>Es waren goldene Zeiten. Mit gro\u00dfen Erfolgen in Wissenschaft und Technik war Deutschland zu einer f\u00fchrenden Macht in Europa aufgestiegen und ein ernstzunehmender Akteur in der internationalen Politik geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Heinz hatte gerade den Schulabschluss in der Tasche, und bald w\u00fcrde die Universit\u00e4t beginnen. Er fuhr durch das Land, um seine geliebte Heimat besser zu verstehen. Geboren war er in Ostpreu\u00dfen, in Bischofsburg, doch schon als er erst drei Jahre alt gewesen war, waren seine Eltern nach Bayern in das sch\u00f6ne St\u00e4dtchen F\u00fcssen \u00fcbergesiedelt. Vom Rest des Reiches kannte Heinz nicht viel, und so nutzte er die Zeit zwischen dem Ende der Schule und dem Anfang seines Studiums der Schiffbautechnik f\u00fcr eine Rundreise.<\/p>\n\n\n\n<p>Es versteht sich, dass er besonders zu den H\u00e4fen wollte, denn f\u00fcr die wollte er doch Schiffe bauen. Und in Bremen geschah es.<\/p>\n\n\n\n<p>Heinz traf einen Engel.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, keinen richtigen Engel. Einen aus Fleisch und Blut, Johanna war ihr Name. Johanna war aus armer Familie und arbeitete als Hausangestellte bei einem Fabrikanten. Ihr einziges Vergn\u00fcgen war der Tanztee im Caf\u00e9, das eine Mal in der Woche, wenn sie ein wenig Zeit f\u00fcr sich hatte und nicht nur dienstbarer Geist sein musste, ohne Namen \u2013 \u201eDas M\u00e4dchen soll sich darum k\u00fcmmern.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Johanna war geschmeichelt durch die offensichtliche Entz\u00fcckung, die sie in dem adretten Jungen ausl\u00f6ste. Sehr ungeschickt war er jedoch, kaum einen geraden Satz brachte er hervor. Erst sp\u00e4t am Abend wurde er freier und auch durchaus charmant. Es war das Bier, das ihm die Zunge l\u00f6ste. Johanna kannte sich mit dergleichen aus. Sie hatte ihren Vater fr\u00fch an den Alkohol verloren, und so war sie recht vorsichtig. Aber Heinz war der erste Mann in ihrem Leben, der ihr das Gef\u00fchl gab, wertvoll zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem zweiten Tanztee erz\u00e4hlte sie Heinz, dass sie abends die Hunde auszuf\u00fchren hatte. Und so trafen sie sich bald jeden Tag im Park, wenn die D\u00e4mmerung fiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Heinz wusste, das ist sie. Bald w\u00fcrde er wieder nach Hause m\u00fcssen, aber ohne sie konnte er nicht gehen. Er fiel auf die Knie vor Johanna. \u201eBitte komm mit, was willst du noch hier. Ich werde es m\u00f6glich machen, f\u00fcr dich hole ich sogar die Sterne vom Himmel.\u201c<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Na, das gab einen Aufstand, als Heinz zur\u00fcck war, und nicht allein. \u201eSie ist so ein flei\u00dfiges M\u00e4dchen\u201c, beschwor er seine Eltern. \u201eSie wird euch zur Hand gehen. Und wenn das Geld nicht reicht, wird sie sich Arbeit suchen.\u201c Ein Jahr sp\u00e4ter heirateten sie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHeinz, hast du schon geh\u00f6rt, die Russen sind in Ostpreu\u00dfen einmarschiert!\u201c Heinz erschrak. Ja, die Zeitungen waren voll vom Krieg, aber hatte es nicht gehei\u00dfen, die russische Armee sei noch gar nicht ger\u00fcstet? Wie konnte das sein, dass sie nun in Bischofsburg waren? Er musste gehen, die alte Heimat verteidigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Leutnant schwor sein Bataillon auf den morgigen Tag ein. \u201eDas ist die entscheidende Schlacht, wenn wir morgen durchbrechen, werden wir die Russen aus dem Reich vertreiben. Jeder muss sein Bestes geben. F\u00fcr den Kaiser und das Vaterland!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem ersten Licht der Sonne begann der Angriff. Heinz hatte sich freiwillig gemeldet, f\u00fcr eine Vorhut mit dem Befehl der Artillerie-Aufkl\u00e4rung. Sie schlichen durch den Wald. Ein Knacken, und ein Schatten von braunem Tarn. Heinz schoss ohne Z\u00f6gern. Es war ein Knabe, nicht \u00e4lter als 12 oder 13, den er get\u00f6tet hatte. Vielleicht der Stiefelknecht eines russischen Offiziers. Doch Heinz blieb keine Zeit dar\u00fcber nachzudenken. Sie waren entdeckt und der einzige Weg heraus war der nach vorn. Sie eroberten den feindlichen Unterstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Heinz war so anders geworden seit dem Krieg. Sicher, immer noch liebte er Johanna sehr. Aber obwohl ihr erstes Kind geboren war, ein Junge, und das zweite mit Johannas rundem Bauch jedem sein Kommen herausposaunte, hatte er begonnen zu Trinken. Sie roch es, und das war das Schlimme daran \u2013 er tat es heimlich. B\u00f6se Erinnerungen an ihren Vater qu\u00e4lten Johanna. Wenn Heinz ihr nur erz\u00e4hlen w\u00fcrde, was im Krieg geschehen war. Aber Heinz sprach niemals \u00fcber jene Zeit, nicht ein Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Sohn in die Schule kam, begann es. Niemals konnte er es seinem Vater recht machen, es setzte fast jeden Tag Schl\u00e4ge, mit dem G\u00fcrtel sogar. \u201eNimm dir endlich ein Vorbild an deiner Schwester\u201c, schrie er den Buben an, in sinnlosem und unbegreiflichem Furor. Und wenn Johanna versuchte, dazwischenzugehen, konnte sie tagelang nur mit Sonnenbrille auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war kein Wunder, dass der Junge den Heilsversprechen einer neuen Partei und ihrer vor einigen Jahren gegr\u00fcndeten Jugendorganisation auf den Leim ging. Er trat in den Nachwuchsverband ein, aber das steigerte den Zorn seines Vaters erst recht zur Raserei.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Abends klopfte es an der T\u00fcr. Heinz ging \u00f6ffnen, und da standen diese Pimpfe mit ihrem Gruppenf\u00fchrer. Sie lie\u00dfen Heinz nicht den Hauch einer Chance und schlugen ihn so gr\u00fcndlich zusammen, dass er mehrere Wochen im Krankenhaus lag.<\/p>\n\n\n\n<p>Vater und Sohn sprachen nie mehr miteinander. Doch Pr\u00fcgel gab es freilich auch nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Johanna war zutiefst verzweifelt \u00fcber dieses Zerw\u00fcrfnis, aber es gab nichts, das sie tun konnte. Denn nun richtete Heinz seine Wut auf sie und machte ihr das Leben zur H\u00f6lle. Aber sie musste durchhalten, um der Kinder willen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die neue Partei kam an die Macht, und es gab wieder Arbeit f\u00fcr alle. Heinz ging an eine Werft in Hamburg, endlich erf\u00fcllten sich die Tr\u00e4ume seiner Kindheit und er konnte Schiffe bauen. Nur alle zwei Wochen kam er nach Hause, jedesmal endete es in furchtbarem Streit und Gebr\u00fcll. Aber immerhin, danach waren es wieder 14 Tage Frieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Telegramm erreichte Johanna ein paar Wochen nach Weihnachten. \u201eIhr Ehemann ist verstorben. Bitte melden Sie sich auf der Polizeiwache in Hamburg.\u201c Man hatte ihn im Schnee gefunden, erstickt an seinem Erbrochenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Johanna war nun allein. Sie machte sich gro\u00dfe Vorw\u00fcrfe. \u201eIch h\u00e4tte es wissen k\u00f6nnen, mein Vater warnte mich aus seinem Grab. Was soll nur aus den Kindern werden? Wie konnte ich nur so blind sein.\u201c Trotzdem, ein letztes Mal strich sie Heinz z\u00e4rtlich \u00fcber das Haar, und sie fl\u00fcsterte in sein kaltes Ohr: \u201eWas immer es war, dass dich so sehr gequ\u00e4lt hat, es war leider m\u00e4chtiger als du. Ich verzeihe dir.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Junge zog in den Krieg, begeistert und wie irre im Glauben an die \u00dcberlegenheit des eigenen Stammes. Man nahm ihn gefangen, bald danach, und im Lager besiegte ihn der Typhus. So gro\u00dfe Ehre hatte er gewollt, doch ein winziges Bakterium war st\u00e4rker gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Johanna hatte keine Tr\u00e4nen mehr. Erst der Vater, dann der Sohn \u2013 was war das nur f\u00fcr ein Gott, der ihr so grausam mitspielte? Der Pfarrer hatte versucht, sie umzustimmen, aber nein, eine Kirche w\u00fcrde sie nie mehr betreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Johanna stand mit ihrer Tochter am Stra\u00dfenrand und schwenkte die amerikanische Flagge. Ein paar Blumen hatte sie auch mitgebracht und streute sie auf die vorbeirollenden Panzer.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Jahre sp\u00e4ter war ihr kleines M\u00e4dchen sehr gro\u00df geworden. Sie unterrichtete Deutsch und Latein an einer Schule f\u00fcr h\u00f6here T\u00f6chter, und einen feinen Ehemann hatte sie auch gefunden. So kam dann der Tag, an dem Johanna sich doch wieder mit dem Herrgott vers\u00f6hnte. Das W\u00fcrmchen kr\u00e4hte und schrie, aber es war ein gesunder und kr\u00e4ftiger Junge. Johannas erster Enkel. Sie wechselte in die Nachtschicht der N\u00e4herei, in der sie nach dem Krieg Arbeit gefunden hatte, und ging ihrer Tochter zur Hand so sehr sie es nur vermochte. Denn sie sollte doch an der Schule bleiben k\u00f6nnen, Johanna wollte, dass ihre Tochter immer auf den eigenen F\u00fc\u00dfen stehen w\u00fcrde k\u00f6nnen. Denn, auf die M\u00e4nner ist kein Verlass, pflegte sie zu sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vier Enkel wurden es, und sie alle liebten ihre Oma sehr. Und Johannas Tochter wurde eine der ersten Schuldirektorinnen in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Johanna lag im Sterben, sie wusste es aus der Tiefe ihres Herzens. Doch erst als ihr \u00e4ltester Enkel sie noch einmal besuchen kam, schlief sie in seinen Armen friedlich ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Adler flog herbei und trug Johannas Seele fort, in eine ferne Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Heinz setzte sich nieder. Nur ein wenig ausruhen, dachte er. Alles ist doppelt, ich finde den Weg ja gar nicht mehr. Doch selbst im Sitzen drehte sich alles so rasend, dass er sich hinlegen und seinen Kopf auf einen Schneehaufen betten musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine kleine Maus trippelte zu ihm. \u201eHey du, was machst du da in der K\u00e4lte?\u201c Seltsam, dachte Heinz. Alle reden immer von wei\u00dfen M\u00e4usen, aber dass man es im Delirium mit sprechenden M\u00e4usen zu tun bekommt, davon habe ich noch nie etwas geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bin keine Maus\u201c, sagte die Maus. \u201eIch bin ein Bote aus deiner Vergangenheit.\u201c Und da war es wieder, das Knacken, der braune Tarn. Das Gesicht des Knaben, verzerrt im schrecklichen Schmerz des Todes. Heinz erbrach sich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSiehst du\u201c, sagte der Adler zu Johanna. \u201eEr nahm einem Vater den Sohn, und so musste ich ihm den Sohn nehmen. Es ist das G\u00f6ttliche Gesetz, verstehst du?\u201c Johanna war verwirrt. \u201eAber unser Sohn ist doch erst viel sp\u00e4ter gestorben im Gefangenenlager, lange nach Heinz, was redest du da?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Adler breitete seine Schwingen z\u00e4rtlich um Johanna. \u201eWas macht das f\u00fcr einen Unterschied? Wir alle sind ewig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAuge um Auge, Zahn um Zahn, bis alle blind und zahnlos sind. Oder einer vergibt. Und das warst du, mein liebes Kind\u2026 sogar Gott hast du noch verziehen, und Ihm immer treu gedient. Auch Unser Vater liebt deine Enkel, wei\u00dft du? Und deshalb schickt Er mich heute, und l\u00e4sst dir sagen, Er dankt dir sehr.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es waren goldene Zeiten. Mit gro\u00dfen Erfolgen in Wissenschaft und Technik war Deutschland zu einer f\u00fchrenden Macht in Europa aufgestiegen und ein ernstzunehmender Akteur in der internationalen Politik geworden. Heinz hatte gerade den Schulabschluss in der Tasche, und bald w\u00fcrde die Universit\u00e4t beginnen. Er fuhr durch das Land, um seine geliebte Heimat besser zu verstehen. 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