{"id":557,"date":"2021-12-20T05:36:16","date_gmt":"2021-12-20T04:36:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=557"},"modified":"2021-12-20T05:36:17","modified_gmt":"2021-12-20T04:36:17","slug":"auf-den-fluegeln-der-liebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2021\/12\/20\/auf-den-fluegeln-der-liebe\/","title":{"rendered":"Auf den Fl\u00fcgeln der Liebe"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Zug fuhr durch die Nacht. Manchmal huschten ein paar Lichter vorbei, aber die meiste Zeit sah Karl nur sein Spiegelbild im Fenster. Er sollte schlafen, dringend, aber es ging nicht. Morgen w\u00fcrde er sie endlich wiedersehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hatte es sich wieder und wieder vorgestellt. Sie w\u00fcrde auf ihn zulaufen, in seine Arme springen, wie fr\u00fcher, \u201eEngelein flieg\u201c. Aber sie versteckte sich hinter der Mutter, wagte es kaum, ihn anzusehen. Die Freundin hatte seine Ex-Frau auch mitgebracht, musste das sein. Als w\u00fcrde ein gl\u00fchendes Messer in seinem Herzen r\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDu verstehst mich einfach nicht. Sabrina wei\u00df was ich f\u00fchle, du bist einfach nur ein grober Klotz. Du gehst zur Arbeit, und dann bist du m\u00fcde. Was in mir vorgeht, das ist dir egal. Ich werde gehen, mit Sabrina habe ich endlich einen Menschen gefunden, dem ich etwas wert bin.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber du bist mir doch so viel wert, hatte er gedacht. Geh du mal den ganzen Tag auf die Baustelle, dann wirst du schon sehen, wie m\u00fcde du abends bist. Und dass du dann einfach nicht mehr kannst, keine Kraft mehr hast dir anzuh\u00f6ren, wie benachteiligt du bist, weil du dich nicht \u201eentfalten\u201c kannst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum war es dir nicht genug, unserem kleinen Engel die Fl\u00fcgel zu entfalten?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl schluckte seine Entt\u00e4uschung herunter. Kaja hatte ihn zwei Jahre nicht gesehen. F\u00fcr Kinder ist das eine Ewigkeit, wie hatte er nur glauben k\u00f6nnen, dass sie ihren Papa nicht vergessen hatte. Aber es w\u00fcrde wieder werden. Sie w\u00fcrde nur ein wenig Zeit brauchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das erste Jahr nach der Scheidung war es gut gewesen. Er hatte regelm\u00e4\u00dfigen Umgang erstritten, und jedes zweite Wochenende war Kaja bei ihm gewesen. In den Zoo, ins Museum, raus in die Natur. Er war gar nicht so ungl\u00fccklich gewesen mit der Situation, in stillen Stunden gab er es sich zu. Das war doch schon sehr anstrengend mit so einem kleinen Wuzel, zwei Tage alle zwei Wochen, mehr h\u00e4tte er nicht wirklich gewollt. Und, anstatt abends Psycho-Geschwurbel zu ertragen, mit den Kumpels Karten zu spielen, das kam ihm durchaus entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber dann war Kaja fortgezogen, mit ihrer Mutter und Sabrina. Weit fort. \u201eAufenthaltsbestimmungrecht\u201c, er hatte gar nicht gewusst, was das war. Dass es seiner Frau zugesprochen wurde, alleinig, hatte er nicht ernst genommen. Ihm war es nur um das Umgangsrecht gegangen. Tja, das hatte er nach wie vor, aber es blieb ihm doch kaum Geld wegen des hohen Unterhalts, den er zu zahlen hatte. Und seine Ex-Frau hatte sofort nach der Scheidung wegen ihrer psychischen Probleme durchgesetzt, dass sie nicht arbeiten gehen musste. Und so musste Karl nun Sabrina auch noch durchf\u00fcttern. Die arbeitete n\u00e4mlich auch nicht, sie musste sich doch um Kajas Mutter \u201ek\u00fcmmern\u201c. Karl blieb kaum genug, um jeden Tag etwas zu Essen zu haben, woher h\u00e4tte er das Geld f\u00fcr die weite Zugfahrt und die \u00dcbernachtung im Hotel nehmen sollen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSabrina kann keine M\u00e4nner um sich ertragen. Du musst verstehen, bei uns kannst du nicht wohnen, und das ist dein Problem.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber jetzt, mit der Gehaltserh\u00f6hung w\u00fcrde alles anders werden. Ganz bestimmt. Nat\u00fcrlich nicht alle zwei Wochen, aber vielleicht alle zwei Monate \u2013 wenn er sein Geld zusammen hielte, dann w\u00fcrde das gehen. F\u00fcr Kaja war ihm nichts zuviel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kaja war kein einziges Mal in seine Arme gesprungen. Und als Karl sie k\u00fcssen wollte zum Abschied, drehte sie den Kopf weg. \u201eM\u00e4nner sind doof\u201c, hatte sie gesagt, schon am ersten Abend. Nat\u00fcrlich wollte sie keinen Kuss von ihrem Vater.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Zug fuhr durch die Nacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl stieg den Berg hinauf. Der Abend d\u00e4mmerte bereits, als er oben ankam. Er kannte die Stelle gut, er war schon viele Male hiergewesen. \u201eWer da runterf\u00e4llt, der hat es hinter sich\u201c, hatte er oft gegr\u00fcbelt an jenem Platz. Dort w\u00fcrde es gehen. Er rastete am Rand der Klippe. Eine Flasche Bier zum Abschied wollte er sich noch g\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Vogel flog herbei. Er hatte eine sch\u00f6ne rote Zeichnung am Hals. Wird wohl ein Rotkehlchen sein, dachte Karl. Es war ungew\u00f6hnlich zutraulich, ganz nah kam es zu ihm, und es sah ihn aus seinen kleinen schwarzen Knopfaugen an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann begann der Vogel zu sprechen. Seine Stimme war direkt in Karls Kopf. Jetzt ist es passiert, dachte Karl, ich werde verr\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAber nein\u201c, sagte das Rotkehlchen. \u201eDu bist nicht verr\u00fcckt, nur sehr, sehr traurig. Darum bin ich gekommen. Kann ich dir helfen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eMeine Tochter liebt mich nicht mehr\u201c, fl\u00fcsterte Karl. \u201eSie hat mich vergessen, hasst mich sogar. Sie war der gr\u00f6\u00dfte Schatz f\u00fcr mich\u2026 ich will nicht mehr.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eGib ihr Zeit\u201c, meinte der Vogel. \u201eEines Tages wird sie erwachsen sein, vielleicht erinnert sie sich dann deiner Liebe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAch was\u201c, schnaubte Karl. \u201eEine ganze Kindheit in dieser Frauenwirtschaft, da bin ich l\u00e4ngst tot, bis sie merkt, wie sehr sie betrogen wurde. Warum ist das nur so? Warum hei\u00dft es pl\u00f6tzlich, die Ehe zwischen Mann und Frau w\u00e4re schlecht? Sollte ein Kind nicht mit Vater und Mutter aufwachsen? Was ist blo\u00df passiert.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Vogel wiegte nachdenklich das kleine K\u00f6pflein. \u201eMan will euch ausrotten. Sehr, sehr reiche Leute haben beschlossen, dass es ihnen zu anstrengend ist, sich mit euch abzugeben. Sie wollen euch durch Roboter ersetzen. Und deshalb soll alles, bei dem keine Kinder herauskommen k\u00f6nnen, pl\u00f6tzlich gut sein, und das Nat\u00fcrliche wird verteufelt. Es ist eigentlich ganz einfach zu verstehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl wusste jetzt Bescheid. Er war tats\u00e4chlich irre geworden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er sprang.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Fallen breitete er seine Arme wie Fl\u00fcgel aus, und so w\u00fcrde er dem All gegen\u00fcbertreten. Im Beweis seiner Liebe zu seiner Tochter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Rabe flog herbei und setzte sich neben das Rotkehlchen. \u201eNa, das hat aber nicht gut geklappt, was? Warum hast du ihm nicht gesagt, dass du ein Engel bist?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEr h\u00e4tte es mir doch nicht geglaubt\u201c, seufzte das Rotkehlchen. \u201eEr war so verloren in seinem Kummer, da war nur noch Dunkel in seiner Seele. Und wie sollte einer, der den Herrgott nicht mehr kennt, irgendwas von Engeln wissen?\u201c Der Rabe wurde streng. \u201eUnd warum hast du ihm nicht geraten, er m\u00f6ge sich eine neue Frau suchen, eine bessere, und mit der wieder Kinder haben? Das Geschrei in der Nacht h\u00e4tte ihm seine Kaja nicht zur\u00fcckgebracht, aber viel Zeit sich zu qu\u00e4len, w\u00e4re ihm doch nicht mehr geblieben? Aber von einem Anf\u00e4nger wie dir kann man das vielleicht nicht erwarten. Du musst ein wenig robuster werden in diesen Dingen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der kleine Engel sah seinen Lehrer an. \u201eIch konnte es nicht. Ich konnte seine Liebe nicht \u00e4ndern, um keinen Preis der Welt. Sie war ein Juwel in seinem Herzen, verstehst du? Wie h\u00e4tte ich daran r\u00fchren d\u00fcrfen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie stiegen auf. Ein kleines goldenes Licht, und ein gro\u00dfes goldenes Licht, und so hoch hinauf, bis sie Sterne am Himmel geworden waren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Zug fuhr durch die Nacht. Manchmal huschten ein paar Lichter vorbei, aber die meiste Zeit sah Karl nur sein Spiegelbild im Fenster. Er sollte schlafen, dringend, aber es ging nicht. Morgen w\u00fcrde er sie endlich wiedersehen. Er hatte es sich wieder und wieder vorgestellt. 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