{"id":533,"date":"2021-11-17T08:32:01","date_gmt":"2021-11-17T07:32:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=533"},"modified":"2021-11-17T08:32:01","modified_gmt":"2021-11-17T07:32:01","slug":"der-weg-der-liebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2021\/11\/17\/der-weg-der-liebe\/","title":{"rendered":"Der Weg der Liebe"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201ePeter, hast du schon geh\u00f6rt, dem Johannes aus K\u00f6ln ist ein Engel erschienen! Er ist ein Knecht wie wir!\u201c Thomas war so aufgeregt, wie Peter ihn noch nie gesehen hatte. \u201eSei leise, du Narr! Wenn der Bauer uns h\u00f6rt, setzt es wieder Schl\u00e4ge. Und ein Abendbrot bekommen wir auch nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Thomas lie\u00df nicht locker. \u201eJohannes sagt, er wird einen Kreuzzug nach Jerusalem anf\u00fchren, und er ruft alle auf, ihm zu folgen. Es haben sich schon Hunderte angeschlossen, ich will auch gehen. Johannes verspricht, das Meer wird sich teilen f\u00fcr seinen Zug!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Immerhin fl\u00fcsterte Thomas nun. \u201eDu wei\u00dft, die Wiederkunft des Gottessohns ist schon lange vorhergesagt. Aber er kann nicht kommen, weil die Heiden seinen Tempel besetzt halten. Der Tempel muss befreit werden, dann wird der Nazarener wieder bei uns sein. Und er wird uns erl\u00f6sen, es steht geschrieben in der heiligen Schrift. Jesus z\u00e4hlt auf uns, Peter, willst du denn dein ganzes Leben diesen Schweinestall hier ausmisten und dem b\u00f6sen Bauern n\u00fctzen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Peter fand lange keinen Schlaf an jenem Abend. Es war, als ob ein Fieber ihn gepackt hatte. 16 Jahre war er nun auf dieser Welt, und so lange er denken konnte, hatte man ihm gesagt, dass er nur Abschaum sei. Und froh sein k\u00f6nne, wenn man ihn nicht totschlage wie einen r\u00e4udigen Hund. Dass nun ein Engel einem der seinen erschienen war, und ihn rief, dem Heiland zu helfen, das schien ihm jenes Zeichen zu sein, auf welches er seit seinen Kindertagen gehofft hatte. Was konnte er schon daf\u00fcr, dass er drei \u00e4ltere Br\u00fcder hatte? Und sein Vater arm war, und ihn an den reichen Eifelbauern verkaufen musste?<\/p>\n\n\n\n<p>Er war doch auch ein Mensch, genau so wie jeder andere\u2026 Der Pfarrer sprach so oft davon, \u201eLiebe deinen N\u00e4chsten wie dich selbst\u201c, aber war Peter denn kein \u201eN\u00e4chster\u201c? Wie war es m\u00f6glich, dass sie im Munde alle etwas ganz anderes f\u00fchrten, als sie dann taten?<\/p>\n\n\n\n<p>Sein linkes Bein schmerzte. Der schlecht verheilte Bruch, als der Bauer mit der Schaufel nach ihm geschlagen hatte, er w\u00fcrde wohl nie mehr gut werden. Die Sau hatte geworfen, und eines ihrer Ferkel war tot geboren worden. Der Bauer war dar\u00fcber so w\u00fctend gewesen, aber was hatte Peter damit zu tun? Auf Kr\u00fccken hatte der Bauer ihn dienen lassen\u2026. \u201eWer nicht arbeitet, muss auch nicht essen, das Leben ist hart, gew\u00f6hn dich daran.\u201c Doch wenn Jesus wiederkehren w\u00fcrde\u2026 der w\u00fcrde Peters Bein heilen, ganz bestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er schlief endlich ein. In seinen Tr\u00e4umen sah er einen brennenden Busch, und einen goldenen Schl\u00fcssel, den dessen Feuer schmiedete.<\/p>\n\n\n\n<p>Peter und Thomas schlichen sich aus der Kate. Es war eine klare Vollmondnacht, sie w\u00fcrden weit weg sein, bevor man bemerken w\u00fcrde, dass sie nicht mehr da waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle jubelten Johannes zu. Der Engel hatte ihn auserw\u00e4hlt, jeder Zweifel w\u00e4re eine L\u00e4sterung des Herrn gewesen. Die Buben glaubten es mit aller Kraft, das war der Weg ins Paradies. Singend machten sie sich auf die lange Reise in den S\u00fcden. Unterwegs schlossen sich ihnen immer mehr Knechte und Bettler an.<\/p>\n\n\n\n<p>Thomas starb schon in den Alpen, Peter fand ihn erfroren im Schnee. Es hatte kaum etwas zu essen gegeben f\u00fcr den zerlumpten Zug, manchmal steckte eine liebe Frau ihnen etwas zu, aber meistens sammelten sie nur Pilze und Beeren. Ein schlimmer Durchfall hatte Thomas gequ\u00e4lt schon seit Tagen, vielleicht einer der Pilze, und jetzt war er tot.<\/p>\n\n\n\n<p>Peter schaffte es bis in die Lombardei, doch dann, eines Morgens, er wollte aufstehen, aber es ging nicht mehr. Ein tiefes Dunkel fiel auf ihn. Es war der Schlaf des Todes, und Peter begr\u00fc\u00dfte ihn wie einen alten Freund.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIss, mein Kleiner\u2026 du musst wieder zu Kr\u00e4ften kommen, was willst du denn so bald schon wieder bei Unserem Vater?\u201c Die Alte f\u00fctterte Peter mit einem feinen Brei, und strich ihm sanft \u00fcber den Kopf. \u201eWer bist du?\u201c fragte Peter. \u201eBist du ein Engel?\u201c Die Alte lachte. \u201eIch hei\u00dfe Maria, und ich komme aus Deutschland, wie du. Ich habe dich gefunden, bei der Kr\u00e4uterernte im Wald. Ein Gl\u00fcck, dass du so ein mageres B\u00fcrschlein bist, sonst h\u00e4tte ich dich nicht auf der Trage ziehen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tage vergingen, und Peter wurde wieder gesund. Tats\u00e4chlich hatte er sich noch nie in seinem Leben so gut gef\u00fchlt \u2013 Marias Essen war das beste, das er jemals bekommen hatte, und seine Jugend tat ein \u00dcbriges, dass er bald wieder auf den Beinen war. Er ging der Alten jetzt auch oft zur Hand, versorgte die H\u00fchner, hackte Holz.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages, am See, sie hielten gerade Rast, fragte Maria, was denn Peter gesucht habe, damals, in den W\u00e4ldern? \u201eIch wollte nach Jerusalem\u201c, sagte Peter. \u201eDen Tempel Jesu befreien, damit er endlich wieder bei uns sein kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber warum denn?\u201c Maria sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eJesus lebt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Peter war verbl\u00fcfft. \u201eUnd wo? Wo ist er? Ich muss ihn finden!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Maria legte ihre fleckige und blau ge\u00e4derte Hand auf das Herz des Jungen. \u201eEr lebt in dir, Peter, wusstest du das nicht? Er lebt in jedem von uns. Warum willst du ihn denn so unbedingt finden?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Peter war entt\u00e4uscht. Trotzdem erz\u00e4hlte er Maria von dem Bauern, der Schaufel, und den Schmerzen, die ihn schon so lange plagten. \u201eWieso hast du mir das nicht fr\u00fcher erkl\u00e4rt, da kenne ich ein Kraut, das wird dir helfen\u201c, sagte Maria. Und den Rest des Morgens suchten sie nach jenem Kraut, bis Maria meinte, dass es genug sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeden Abend vor dem Schlafengehen machte Maria f\u00fcr Peter dann einen Kr\u00e4utersud. Peter musste ihn trinken, aber sie bereitete daraus auch einen Wickel f\u00fcr das Bein, den Peter \u00fcber Nacht tragen musste. Und wirklich, nach nur zwei Wochen waren seine Schmerzen v\u00f6llig verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch das erschien Peter ein wenig unheimlich. \u201eMaria, in der Schrift steht, nur Jesus kann heilen. Wieso kannst du es?\u201c Maria stopfte gerade ein Paar von Peters Socken. \u201eWie kommst du denn darauf, dass das, was in der Bibel steht, alles stimmen muss?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Peter war emp\u00f6rt. \u201eSie ist das Wort Gottes! Wie kannst du sie in Zweifel ziehen!\u201c Doch Maria lie\u00df sich nicht beirren. \u201eUnd woher wei\u00dft du, dass sie Gottes Wort ist?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Pfarrer sagt es, und alle sagen es. Jeder muss daran glauben, und wer es nicht tut, der kommt in die H\u00f6lle!\u201c Maria legte ihr Strickzeug beiseite und sah Peter ernst an. \u201eLieber Peter, wenn etwas Gottes Wort ist, dann muss dir das niemand sagen. Dann wei\u00dft du es.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd was das Heilen angeht, mein guter Junge \u2013 was w\u00e4re das wohl f\u00fcr ein Herrgott, wenn Er es nicht jedem beibringen k\u00f6nnte?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein gelber Vogel pfiff fr\u00f6hlich vor dem Fenster. \u201eH\u00f6rst du diesen Vogel, Peter? Sein Gesang ist mehr Gottes Wort als jede Schrift des Menschen, merke es dir.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeit verging, und eines Abends warf Maria ein Fieber nieder. Peter tat f\u00fcr sie, was er konnte, aber ihre Stunde war gekommen. \u201eLieber Peter\u201c, fl\u00fcsterte Maria. \u201eIch schenke dir dies alles hier, meine H\u00fctte, mein Land. Ich bin dir so dankbar, dass du in mein Leben gekommen bist, ich will, dass du mein Erbe wirst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Peter begann zu weinen. \u201eBitte geh nicht, ich liebe dich doch so sehr. Und, was willst du mir denn danken, du hast mir soviel gegeben, ohne dich w\u00e4re ich gar nicht mehr am Leben, was redest du da.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Maria hatte kaum noch Kraft zu sprechen, und so musste Peter sein Ohr dicht an ihren Mund halten, um sie zu verstehen. \u201eGeliebter Freund, die, die wir st\u00fctzen, die sind unser Halt. Mein gutes Kind, ich werde den Sch\u00f6pfer von dir gr\u00fc\u00dfen und Seinen Segen f\u00fcr dich erbitten.\u201c Und sie schloss ihre Augen, ein letztes Mal.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war einige Jahre sp\u00e4ter, da war \u00fcber Marias Grab ein pr\u00e4chtiger Kirschbaum erbl\u00fcht. Viele V\u00f6gel nisteten darin, und immer wenn sie sangen, erinnerte Peter sich an Maria und ihren Segen. Denn Gott hatte ihre Bitte wohl erh\u00f6rt, fr\u00f6hliches Kinderlachen klang jetzt aus der H\u00fctte im Wald, und seine gute Frau war Peter das gr\u00f6\u00dfte Geschenk der ganzen weiten Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eitler D\u00fcnkel ist, was uns so schindet<br>Gl\u00fccklich kann nur sein, wer Liebe findet.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-vivid-cyan-blue-color\">Anmerkung: zur historischen Einordnung dieser Erz\u00e4hlung <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.mikambo.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/hans-jurt-kinderkreuzzug.pdf\" target=\"_blank\">siehe hier<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201ePeter, hast du schon geh\u00f6rt, dem Johannes aus K\u00f6ln ist ein Engel erschienen! Er ist ein Knecht wie wir!\u201c Thomas war so aufgeregt, wie Peter ihn noch nie gesehen hatte. \u201eSei leise, du Narr! Wenn der Bauer uns h\u00f6rt, setzt es wieder Schl\u00e4ge. 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