{"id":520,"date":"2021-11-01T20:33:27","date_gmt":"2021-11-01T19:33:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=520"},"modified":"2021-11-09T20:42:04","modified_gmt":"2021-11-09T19:42:04","slug":"das-lied-der-ewigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2021\/11\/01\/das-lied-der-ewigkeit\/","title":{"rendered":"Das Lied der Ewigkeit"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eHerr B., begeben Sie sich umgehend auf Zimmer 227! Herr B.!\u201c Herr B. schrak aus einem unruhigen Halbschlaf. Er wartete bereits seit 4 Stunden in diesem ungem\u00fctlichen, gnadenlos harten Stuhl, der f\u00fcr Fakire gemacht schien. Oder f\u00fcr jemanden, dem man die Macht der Paragraphen demonstrieren wollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eHaben Sie das Formular ausgef\u00fcllt?\u201c Die Sachbearbeiterin war eine dickliche Matrone, die ihre Leidenschaft f\u00fcr Buttersahnetorten mit riesigen Ohrringen zu kaschieren suchte. Ihr gewaltiger Busen wogte hin und her, w\u00e4hrend sie gesch\u00e4ftig einen Stapel Akten auf ihren Schreibtisch wuchtete. Der Anblick \u00e4ngstigte Herrn B. \u201eDamit k\u00f6nnte man jemanden erschlagen\u201c, dachte er. Seine Stimme zitterte deshalb ein wenig. \u201eIch habe diesen Brief von Ihnen erhalten, erst gestern. Und ich bin sofort zu Ihnen gekommen, aber\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201ePapperlapapp\u201c, sagte die Sachbearbeiterin. \u201eOhne Formular 18\/C2-861a kann ich nichts f\u00fcr Sie tun. Gehen Sie auf Zimmer 35 und melden Sie sich dann wieder hier.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es stellte sich heraus, dass zur Erlangung des Formulars zun\u00e4chst eine Geburtsurkunde neu beglaubigt erforderlich war, der Nachweis des Schulbesuchs \u2013 das hatte besonders lang gedauert, es war schlie\u00dflich 50 Jahre her -, au\u00dferdem eine Meldebescheinigung und die Heiratsurkunde, sowie ein notariell best\u00e4tigtes Zertifikat seiner Schuhgr\u00f6\u00dfe. Letzteres h\u00e4tte Herrn B. vielleicht gewundert, wenn er nach den Tagen des Umherirrens in dem riesigen Schloss, welches die \u201eBeh\u00f6rde f\u00fcr besondere Angelegenheiten\u201c beherbergte, nicht schon v\u00f6llig ersch\u00f6pft und resigniert gewesen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSch\u00f6n\u201c, knurrte die Sachbearbeiterin. \u201eSehen Sie, das war doch gar nicht schwer. Aber es ist immer das Gleiche. Niemand macht sich die M\u00fche, \u00fcber unsere anstrengende und wichtige Arbeit nachzudenken, und dann haben wir die ganzen Scherereien.\u201c Sie \u00fcberreichte Herrn B. eine goldene M\u00fcnze. \u201eUnsere Ermittlungen haben ergeben, dass Sie sich f\u00fcr Sonderbehandlung 13 qualifiziert haben. Gehen Sie mit dieser M\u00fcnze zur Restrukturierungsdienststelle, dort wird man Ihnen weiterhelfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die RStruktDiStel lag in einer Seitengasse, nicht weit vom Schloss. Herr B. gab die M\u00fcnze ab und wurde nett begr\u00fc\u00dft. \u201eEs ist nur ein kleiner Pieks\u201c, sagte der junge Mann am Empfang. \u201eUnd vorher d\u00fcrfen Sie noch zu Abend essen, auf besondere Einladung von X.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">X. war der reichste Mann der ganzen Stadt. Dass ausgerechnet dieser, f\u00fcr seinen Geiz legend\u00e4re, Kerl ein Abendessen bezahlen w\u00fcrde, h\u00e4tte Herrn B. misstrauisch stimmen sollen. Doch man erz\u00e4hlte in letzter Zeit \u00fcberall, X. w\u00e4re zum Philantropen geworden und w\u00fcrde nun alles verschenken. Au\u00dferdem war Herr B. sehr hungrig, nach all der amtlichen Rennerei, und schob seine Bedenken deshalb beiseite.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war tats\u00e4chlich nur ein kleiner Pieks gewesen, aber nun stand der Engel vor ihm. \u201eDer Chef will dich sehen. Keine Sorge, es geht Ihm nicht um dich. Doch Er hat mich beauftragt, Ihm bei einer Untersuchung behilflich zu sein, und braucht daf\u00fcr Zeugen. Du bist doch sicher bereit, Ihm Auskunft zu geben?\u201c Herr B. schluckte. Auf alles war er gefasst gewesen, nachdem der Postbote den gelben Brief gebracht hatte. Strafsteuern, Sozialarbeit, sogar Gef\u00e4ngnis hatte er bef\u00fcrchtet. Dass diese Sache zu einem Plausch mit dem Herrgott werden w\u00fcrde, h\u00e4tte er sich jedoch niemals tr\u00e4umen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Herr B. klopfte vorsichtig. Wie w\u00fcrde Gott wohl aussehen? Ob Er tats\u00e4chlich einen langen wei\u00dfen Bart haben w\u00fcrde? Oder vielleicht einen Elefantenkopf? Die Inder behaupteten sowas. Aber nun, die sagten auch, Er s\u00e4he wie ein Affe aus, und beides zusammen w\u00fcrde ja wohl nicht gehen. Herr B. war jedenfalls \u00e4u\u00dferst gespannt. Wer hatte Gott je gesehen, und nun w\u00fcrde ausgerechnet er\u2026 \u201eHerein\u201c, erklang eine liebliche Stimme, und Herr B. \u00f6ffnete die T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es verschlug ihm die Sprache. Eine \u00e4therisch sch\u00f6ne Dame r\u00e4kelte sich in einem bequemen Liegestuhl an einem Pool mit t\u00fcrkisblauem Wasser. Ihre Augen verstr\u00f6mten ein seltsames Licht, und Ihre vollen Haare waren zu einer \u00e4u\u00dferst harmonischen und kunstvollen Frisur geflochten. Ein ber\u00fcckender Duft von Honig, Sandelholz und Tabak lag in der Luft \u2013 die wundervollste Frau, die Herr B. jemals gesehen hatte, rauchte mit grazi\u00f6ser Anmut eine Zigarette. Und war splitternackt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Herr B. bekam unmittelbar eine Erektion \u2013 und was f\u00fcr eine. Ihm brach der Schwei\u00df aus. Noch peinlicher ging es wohl nicht, da begegnete er endlich Gott, und dann ein kapitaler St\u00e4nder. \u201eBestimmt werde ich sofort rausgeworfen\u201c, dachte er.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAch herrje\u201c, fl\u00f6tete die Zauberfee. \u201eIch hatte gehofft, du freust dich. Aber Ich verga\u00df, du kommst ja von diesem verlorenen Planeten, wo man euch gelogen hat, der Ursprung des Lebens w\u00e4re die S\u00fcnde.\u201c Sie zwinkerte ihm freundlich zu, und verwandelte Sich in ein Walross. \u201eDu verzeihst, wenn Ich ein wenig schwimmen gehe? Mit dieser Haut darf Ich nicht austrocknen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Walross drehte Seine Runden im sonnenblitzenden Wasser. Z\u00e4rtlich sagte Es zu Herrn B.: \u201eDu bist viel zu fr\u00fch dran, was ist passiert? Bitte berichte Mir alles. So viele sind zu fr\u00fch dran in letzter Zeit, das beunruhigt Mich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war merkw\u00fcrdig. Die Stimme des Walrosses war direkt in Herrn B.\u2019s Kopf. Und sie h\u00f6rte sich nach seinem Vater an, wenn er Herrn B. vor langer Zeit, als er noch ein kleiner Junge gewesen war, in den Schlaf gesungen hatte. Herrn B. wurde es ganz leicht ums Herz, er erinnerte sich der immerw\u00e4hrenden Sch\u00f6nheit des Seins. Und Platz in der Hose hatte er inzwischen auch wieder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDa gibt es diese Krankheit. Aber gottseidank haben die reichen Leute sich zusammengetan, um uns alle zu retten. Bei mir hat es aber nicht funktioniert, glaube ich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Walross seufzte. \u201eNa, mit Mir hat das aber rein gar nichts zu tun. Man t\u00f6tet einfach nur die Armen, damit die Reichen reich bleiben. Wie ist es nur m\u00f6glich, dass du darauf hereingefallen bist?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Herr B. begann zu weinen. \u201eAls ich ein Knabe war, da warst Du \u00fcberall. Jedes Blatt, jeder Vogel und jeder Stern hat mir von Dir gesprochen. Ich wei\u00df nicht, wie ich Dich vergessen konnte \u2013 irgendwann fing es an, da hatte ich nur noch Angst vor dem Tod, und ich konnte Dich nirgends mehr sehen. Bitte vergib mir.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gott war nun ein warmes, g\u00fcldenes Licht geworden. Sanft umfloss Es Herrn B. \u201eSchschsch\u2026 wir haben alle Zeit der Welt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und endlich, endlich konnte Herr B. das Lied der Ewigkeit wieder h\u00f6ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eHerr B., begeben Sie sich umgehend auf Zimmer 227! Herr B.!\u201c Herr B. schrak aus einem unruhigen Halbschlaf. Er wartete bereits seit 4 Stunden in diesem ungem\u00fctlichen, gnadenlos harten Stuhl, der f\u00fcr Fakire gemacht schien. 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