{"id":511,"date":"2021-10-18T23:42:46","date_gmt":"2021-10-18T21:42:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=511"},"modified":"2024-09-08T07:21:18","modified_gmt":"2024-09-08T05:21:18","slug":"leise-singt-uns-die-mutter-das-lied","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2021\/10\/18\/leise-singt-uns-die-mutter-das-lied\/","title":{"rendered":"Leise singt uns die Mutter das Lied"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Knabe seufzte befreit. Das war ein hartes St\u00fcck Arbeit gewesen. Doch er hatte es sich nur selbst vorzuwerfen. Wie konnte er es nur \u00fcbersehen, eine K\u00fcstenlinie, welche die gl\u00fchende Seele dieser Welt zwang, Perioden von m\u00e4chtigen \u00dcberschwemmungen mit gnadenlosen D\u00fcrren abzuwechseln, um das Gleichgewicht der kosmischen Energien zu bewahren\u2026 ja, es war eine wirklich sehr sch\u00f6ne K\u00fcstenlinie gewesen, aber Sch\u00f6nheit alleine brachte nichts. Es musste schon funktionieren, sonst war es eben wertlos.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder sogar schlimmer. Diese v\u00f6llig rabiate Spezies von Amphibien, die dabei entstanden war, in diesem brutalem \u00dcberlebenskampf, au weia. Wie sollte er das nur seiner Mutter erkl\u00e4ren? Doch er wusste, sie war g\u00fctig und weise. Und sie w\u00fcrde sein unerm\u00fcdliches Bem\u00fchen achten, mit dem er seinen Fehler behoben hatte. 22 Erdbeben! 3 Meteore! Und dann noch dieses ganze Feingefitzel, ein Unwetter da, ein Sturm dort\u2026 oh Mann. Er war froh, dass die Arbeit hier nun beendet war. Jetzt w\u00fcrde er endlich auch in anderen Welten wieder einmal nach dem Rechten sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kind rief seinen Teppich herbei, und befahl den Wildg\u00e4nsen, anzuspannen. Wohin sollte es gehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit all dem Schlamassel, das der Knabe gerade hinter sich gebracht hatte, fiel ihm ein anderer Planet ein. F\u00fcr den hatte es sogar einen Kometenkiller gebraucht, und einen v\u00f6lligen Neuanfang, so schlimm hatte er sich damals vertan. Es war Jahrtausende her, dass er zuletzt dort gewesen war. Doch er hatte in der Zeit des Wiederbeginns, vor hunderten von Millionen Jahren, alles, alles bedacht, um zu verhindern, dass das jemals wieder eine Welt werden k\u00f6nnte, in der riesige Drachen in grotesken Blutorgien einen Hort schlimmster Qualen errichten k\u00f6nnten\u2026 doch, er hatte wirklich alles auf das Beste vorgesehen. Er war sich ganz sicher, und seine Mutter hatte ihm auch geholfen dabei. Und als er das letzte Mal dort zu Besuch gewesen war, war es auch wirklich ein wundersch\u00f6nes Paradies gewesen, das dabei herausgekommen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das w\u00fcrde ein erholsamer Ausflug werden. Ein wenig Balsam f\u00fcr die Seele w\u00fcrde ihm gut tun, nach dem Desaster hier. \u201eNach Gaia\u201c, rief er den G\u00e4nsen zu, und begann auf seiner Fl\u00f6te zu spielen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Er beschloss, zuerst in diese Gegend zu reisen, f\u00fcr die er fast am meisten stolz war auf jener Welt. Ein Land unter dem Wasserspiegel, aber dennoch bewohnbar. Und so fruchtbar, dass es Milliarden zu tragen vermochte, eben weil es unter der Linie des gro\u00dfen Wassers lag. Das war einer der zauberhaftesten Orte gewesen bei seinem letzten Besuch, und er freute sich sehr darauf, die dort erbl\u00fchte Zivilisation kennenzulernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann pr\u00fcgelte gnadenlos auf die Frau ein. Sie lag schon wimmernd und blutend am Boden, aber er h\u00f6rte nicht auf. Der Knabe zupfte den Mann am \u00c4rmel. \u201eWarum machst du das?\u201c Der Mann hielt nicht inne, zu schlagen. \u201eWie dumm bist du? Sie ist eine Rohingya, denen geh\u00f6rt es nicht anders. Hast du in der Schule nicht aufgepasst?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber was hat sie getan?\u201c rief der Knabe, verzweifelt, denn die schlimme Pein der Frau hallte laut in ihm wieder. \u201eDie m\u00fcssen nichts tun, du kleiner Kretin\u201c, sagte der Mann. \u201eSie sind Heiden, und f\u00fcr ihre Gottlosigkeit m\u00fcssen sie bestraft werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wie k\u00f6nnte es auch nur irgendwie m\u00f6glich sein, dass irgendwer oder irgendwas gottlos ist, dachte der Knabe. Was ist das f\u00fcr eine seltsame Idee? Also hier auf diesem Planeten, da w\u00fcrde er auch einiges zu tun haben, so viel war mal klar.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch er wusste, blinder Aktionismus f\u00fchrt zu nichts, er w\u00fcrde erst einmal verstehen m\u00fcssen, wo der Kern des Problems war.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab noch eine andere himmlische Flur auf Gaia, er war so gl\u00fccklich gewesen dort. Seine Mutter hatte sich an diesem Platz ein zottiges Bild gegeben, und H\u00f6rner, und sie n\u00e4hrte und hegte alle ohne Unterschied. Kaum irgendwo war es sch\u00f6ner gewesen. \u201eIns Land der B\u00fcffel\u201c, <meta http-equiv=\"content-type\" content=\"text\/html; charset=utf-8\">befahl er den Wildg\u00e4nsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, hier war es schon viel eher so, wie er es sich gedacht hatte. Von hellem Beige \u00fcber Gelb und Rot und Braun, bis ins tiefste Schwarz. Das war die Farbpalette, die er damals gebraucht hatte, und hier waren alle beisammen. Eine sch\u00f6ne Mischung von Kontrasten, sich gegenseitig befruchtend und befl\u00fcgelnd\u2026 denn alles in einer Farbe w\u00e4re ja Stillstand, und der der Tod \u2013 eine der ersten Lektionen, die er gelernt hatte, damals, im Sternhaufenkindergarten.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch auch hier, er merkte es schnell, war es so, dass jeder vom Anderen dachte, er sei nichts wert. Heide, Goyim, Wei\u00dfer, Langnase, oder Nigger, sie hatten zwar viele verschiedene Namen daf\u00fcr, doch es war immer das Gleiche. Alle beanspruchten die Mutter des Knabens nur f\u00fcr sich. Dass daran etwas nicht stimmen konnte, wenn es jeder dachte, das kam ihnen aber nicht in den Sinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Knabe, vor langer Zeit, auf dieser Welt das Dinosaurier-Fiasko aufger\u00e4umt hatte, und seine Mutter den Kometenkiller werfen musste, hatte er sehr lange dar\u00fcber gegr\u00fcbelt, was schiefgelaufen war. Und sein Schluss war gewesen, so h\u00fcbsch die Echsen auch gewesen waren, sie hatten die Liebe nicht gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und deshalb hatte er sich etwas ausgemalt. Den kleinen \u00c4ffchen hatte er wundersch\u00f6ne Fortpflanzungsorgane gegeben, in einer ber\u00fcckenden Harmonie der Gegens\u00e4tze. Und dann hatte er den Gebrauch dieser Organe von der Fortpflanzung befreit. In dieser Weise, so hatte er es sich gedacht, w\u00fcrde es unm\u00f6glich sein, dass die Liebe jemals wieder vergessen werden k\u00f6nnte. Denn wenn es der Andere war, der einem die Melodie der Sch\u00f6pfung erklingen lie\u00df, wie k\u00f6nnte man ihn nicht lieben daf\u00fcr?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lied des Lebens immer h\u00f6ren zu k\u00f6nnen, sogar, wenn es gar kein Leben hervorzubringen h\u00e4tte, das, so hatte er es sich \u00fcberlegt, w\u00fcrde jedem immer den Weg zur Liebe weisen. Da es ja der Andere war, den es daf\u00fcr bedurfte, und die Liebe eben immer dem Anderen zustrebt. Und also w\u00fcrde die Liebe auf dieser Welt niemals vergessen werden k\u00f6nnen. Was war blo\u00df passiert?<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Blick fiel auf ein Plakat. \u201eSaunaclub\u201c stand darauf, und das Foto zeigte lauter nackte Menschen. Also erstmal schaue ich mir nochmal die Teile an, dachte er sich. Er hatte sich damals soviel M\u00fche gegeben damit, und er war auch ein wenig stolz auf sein Kunstwerk. Es war so sch\u00f6n geworden, man konnte einfach nicht wegsehen, so sehr, wie es die Sinne mit dem Zauber der Mutter berauschte. Es w\u00fcrde ihn hoffentlich ein wenig tr\u00f6sten, sein Meisterst\u00fcck wiederzusehen, und ihm die Kraft geben, die \u00c4rmel hochzukrempeln und die Dinge wieder gerade zu r\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann am Schalter lachte. \u201eWas willst du denn hier? Einlass ab 18, Kleiner \u2013 das ist nicht familienfreundlich hier.\u201c Der Knabe hatte zwar f\u00fcr die Krone der Sch\u00f6pfung dieser Welt 7 bis 9 Hundert Jahre Lebenszeit vorgesehen. Aber er konnte dem Mann schlecht sagen, dass er schon 12 Milliarden Jahre alt war, das w\u00fcrde der ihm niemals glauben. Und au\u00dferdem musste der Mann vollkommen wahnsinnig sein. Wie konnte etwas nicht familienfreundlich sein, das Familien hervorbrachte?<\/p>\n\n\n\n<p>Doch mit Verr\u00fcckten legt man sich besser nicht an, also ging der Knabe einmal um den Block, gab sich das Aussehen eines jungen Mannes, und erhielt sodann problemlos Einlass. Drinnen war es sehr hei\u00df. Und dann fiel es ihm wieder ein: \u201eAch, das ist eine Schwitzh\u00fctte, wie ich sie damals die Herren der B\u00fcffel gelehrt habe, um das Gift zu <meta http-equiv=\"content-type\" content=\"text\/html; charset=utf-8\">entlassen und ihre Gesundheit zu erhalten. Wie sch\u00f6n, dass dieser Brauch bis heute lebendig geblieben ist. Es kann noch nicht alles verloren sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber sein Wunsch, sein altes Gem\u00e4lde noch einmal in natura zu sehen, blieb ihm verwehrt. Obwohl allen in Str\u00f6men das Wasser lief, waren sie ausgerechnet dort und nur dort trotzdem bedeckt. \u201eWie halten sie das blo\u00df aus\u201c, dachte der Knabe. \u201eDas ist ja furchtbar, genau da schwitzt man doch am meisten, das muss doch ein schreckliches Gef\u00fchl sein, wieso nur verstecken sie meine Kunst?\u201c Er verstand es einfach nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab einen Ort auf dieser Welt, den hatte er geschaffen als H\u00fcter des Wissens. Es waren Berge, so hoch und weit, dass niemand jeden Winkel kennen konnte \u2013 nicht fern von den fruchtbaren Ebenen, die er zuerst besucht hatte. Dorthin ging er nun, dort musste das Wissen um die Geschichte der Menschen bewahrt sein und er w\u00fcrde begreifen, was geschehen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Alte hie\u00df ihn willkommen und bot ihm Tee an. Eine Weile sa\u00dfen sie schweigend und bewunderten die majest\u00e4tischen Gipfel im ewigen Schnee. \u201eWie nennt ihr diese Gegend hier?\u201c fragte der Knabe. Der Alte lachte. \u201eNa, mit der Schule hattest du es wohl nicht so, was? Das ist der Himalaya, die Heimat der G\u00f6tter.\u201c Der Knabe grinste in sich hinein. \u201eShambala\u201c, das war der Name gewesen, den er einmal dem Ort gegeben hatte, und \u00fcber die Jahrtausende klang er noch immer nach.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSag, warum hassen die Menschen einander? Ich komme von weit her, kannst du es mir erkl\u00e4ren?\u201c Ein trauriger und bitterer Zug trat in die Miene des Alten. \u201eJeder glaubt, nur er sei von Gott geschaffen, und die anderen nichts wert. Sie tun es, weil sie damit die anderen benutzen, berauben und t\u00f6ten k\u00f6nnen, und um ihr Gewissen zu beruhigen, reden sie sich ein, nur sie und ihresgleichen seien auserw\u00e4hlt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Alte r\u00fchrte sorgf\u00e4ltig seinen Tee, und z\u00fcndete sich eine Pfeife an. \u201eWas ist das?\u201c fragte der Knabe. \u201eEs stinkt.\u201c Der alte Mann lachte. \u201eDas ist Tabak, ein Geschenk der G\u00f6tter, mein Sohn. Du bist noch zu klein daf\u00fcr, aber denke immer daran, ein Brandopfer zur rechten Zeit wird die Mutter gn\u00e4dig stimmen. Doch ich werde den Rauch von dir weg ziehen lassen, du hast schon recht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Alte sog nachdenklich an seinem Chillum. \u201eIch glaube, das Problem mit den Menschen geht in Wahrheit trotzdem weit tiefer \u2013 Gier allein erkl\u00e4rt es nicht. Siehst du, niemand wei\u00df, wie Gott ist, und das wei\u00df auch jeder. Wie k\u00f6nnte man also auf die Idee kommen, die anderen w\u00fcssten weniger von Ihm, als man selbst? Denn man wei\u00df doch selbst nichts, und weniger als nichts geht ja nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch glaube vielmehr, die Menschen hassen sich selbst. Um aber dennoch zu \u00fcberleben, bilden sie diesen Hass auf Andere ab. Man nennt das auch Projektion \u2013 sie glauben, sie verachten ihren N\u00e4chsten, und sind es doch nur selbst, wen sie verleugnen. Das sind keine Religionen \u2013 R\u00fcckverbindungen zum Sch\u00f6pfer, wie es das Wort im urspr\u00fcnglichen Sinne bedeutet. Das sind nur, in vielen Farben, mannigfaltige Spielarten einer nach au\u00dfen getragene Abscheu vor der eigenen Natur.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und mit einem Mal verstand es der Knabe. Er hatte es zu sch\u00f6n gemacht, und damit gegen das oberste Gesetz des Universums versto\u00dfen. Die Menschen hatten keine Freiheit gegen die unwiderstehliche Anmut seines Kunstwerks, das war es, was geschehen war. Und so hatten die Menschen sich der einen Freiheit ergeben, die immer ist: dem Tod. Sie huldigten dem Leid, der Zerst\u00f6rung, dem Hass \u2013 um dennoch zu dienen dem einen Pfeiler, auf welchem die gesamte Sch\u00f6pfung ruht, und ohne den sie nicht sein kann. Der Freiheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Knabe begann bitterlich zu weinen. Der Alte nahm ihn in den Arm und strich ihm sanft \u00fcber den Kopf. \u201eSie wird kommen\u201c, fl\u00fcsterte er, wieder und wieder. \u201eDeine Mutter wird kommen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Knabe seufzte befreit. Das war ein hartes St\u00fcck Arbeit gewesen. Doch er hatte es sich nur selbst vorzuwerfen. 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