{"id":505,"date":"2021-10-17T06:02:28","date_gmt":"2021-10-17T04:02:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=505"},"modified":"2025-10-30T06:49:45","modified_gmt":"2025-10-30T05:49:45","slug":"im-garten-der-engel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2021\/10\/17\/im-garten-der-engel\/","title":{"rendered":"Im Garten der Engel"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Es braucht nur zwei, drei Hunde, eine Schafherde zu h\u00fcten. Doch f\u00fcr ein Rudel L\u00f6wen w\u00e4ren diese Hunde nur Futter.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHildegard, bitte geh doch zum M\u00fcller und hole uns ein Pfund Mehl. Dann backe ich dir feine Pfannkuchen, willst du?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hildegard strahlte ihre Mutter an. \u201eJa, Mutter, du wei\u00dft doch, deine Pfannkuchen sind die besten der ganzen Welt!\u201c Und sie rannte los, so schnell ihre Beine sie tragen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der M\u00fcller sah das M\u00e4dchen an. \u201eEs ist kaum noch Mehl da. Ich werde dir wohl keines geben k\u00f6nnen.\u201c Hildegard war sehr entt\u00e4uscht. \u201eAber meine Mutter wollte Pfannkuchen\u2026 ich hab mich so gefreut\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In die Augen des M\u00fcllers trat ein seltsamer Schatten. \u201eNun, es g\u00e4be da vielleicht einen Weg. Komm mit, ich zeige es dir.\u201c Das Starren des Mannes lie\u00df Hildegard fr\u00f6steln. Aber sie folgte ihm in die Vorratskammer, die Pfannkuchen besiegten ihr warnendes Herz.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Er fiel \u00fcber sie her. \u201eNun hab dich nicht so. 9 Jahre alt bist du, da ist es l\u00e4ngst Zeit, dass du lernst, wie du den M\u00e4nnern zu dienen hast.\u201c Hildegard wehrte sich mit aller Kraft, sie biss, kratzte und schrie.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein Zufallstreffer. Ihr Daumen stach in das linke Auge des M\u00fcllers und der Nagel zerriss ihm die Pupille. Der M\u00fcller br\u00fcllte wie am Spie\u00df. \u201eIch bin blind, was hast du getan!\u201c Hildegard lief weg. Doch das S\u00e4ckchen Mehl, mit dem der M\u00fcller sie hatte locken wollen, das nahm sie mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pfannkuchen aber schmeckten ihr kein Bisschen an jenem Abend, und die n\u00e4chsten Tage lag sie fiebernd.<\/p>\n\n\n\n<p>Der M\u00fcller hatte zun\u00e4chst \u00fcberlegt, das M\u00e4dchen vor den Richter zu zerren und es des Diebstahls zu beschuldigen. Die Kinder jener Zeit wurden mit dem 8. Lebensjahr strafm\u00fcndig, und er wollte das kleine Biest im Kerker. Aber sie hatte sein Ding gesehen, wem w\u00fcrde der Richter wohl glauben, wenn sie davon erz\u00e4hlte? So verfiel er auf eine andere Art der Rache. Er begann \u00fcberall zu erz\u00e4hlen, sein tr\u00fcbes Auge, das sei ein Fluch der kleinen Hildegard, seht ihr es nicht, der Teufel ist in ihrem Blick! H\u00fctet euch vor der!<\/p>\n\n\n\n<p>Um Hildegard wurde es einsam. Das Getuschel ihrer Freundinnen machte ihr Angst, und niemand wollte mit ihr noch in den Wald, Kr\u00e4uter sammeln. So ging sie also alleine, und Stunde um Stunde sah sie dort den Bienen zu, badete im Duft der Blumen, lachte \u00fcber eifrige M\u00e4uslein beim Nestbau, sang der Sonne ein Lied. Bewundernd f\u00fcr den Zauber der Sch\u00f6pfung fand sie jeden Trost, dessen sie bedurfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so wurde es ihr einerlei, dass kein M\u00e4dchen aus dem Dorf noch ihre Freundin sein wollte, denn sie hatte die Liebe Gottes gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeit kam, sich zu verm\u00e4hlen, aber Hildegard wollte nicht. Von den M\u00e4nnern hatte sie genug f\u00fcr immer. Vor einiger Zeit hatte sie eine alte H\u00fctte im Wald gefunden, dort ging sie hin. Sie baute alles wieder auf, und legte ein Kr\u00e4uterg\u00e4rtchen an. Bald schon verbreitete sich ihr Ruf, und die Kranken und Beladenen kam von weither zu ihr. Sie konnte es nicht erkl\u00e4ren, warum sie wusste, welche der Gaben der Natur den Menschen heilen w\u00fcrde, der ihr gegen\u00fcbersa\u00df. Aber fast immer wirkte der Kr\u00e4utersud, den sie ihm braute.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages hockte der M\u00fcller vor ihr. Alt war er geworden, und ein schlimmes Hinken plagte ihn. Doch Hildegard sagte nein. Es waren ihr Hochmut \u00fcber ihren Ruhm bei den vielen Menschen, denen sie geholfen hatte, und ihre Lust an der Rache nach so langer Zeit, die sie trieben. Und sie waren ihr Verderben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der M\u00fcller erz\u00e4hlte ein paar Burschen von einem Schatz im Wald, und wartete auf den n\u00e4chsten Vollmond. Nur bei dessen Licht k\u00f6nne man den Schatz sehen, hatte er den Jungen weisgemacht. Als die Nacht dann kam, warf der M\u00fcller sich ein Wolfsfell \u00fcber, und schlich schaurig heulend um Hildegards H\u00fctte. Sobald er wusste, dass die Schatzsucher seinen gruseligen Schatten gesehen hatten, z\u00fcndete er das bengalische Feuer, das ihm ein Reisender von weither verkauft hatte. Die Buben rannten schreiend fort.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Inquisitor verrichtete unger\u00fchrt sein Werk. Er streckte, schnitt und brach. Und immer die gleiche Frage: \u201eWie hast du es getan? Wie hast du geheilt? Nur der Baader vermag zu heilen, gib es zu, du bist dem Teufel zu Diensten!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hildegard sagte es ihm, wieder und wieder. \u201eEs war das Wispern ihrer Seelen, es hat es mir gesprochen, was fehlt, und dann habe ich es ihnen gegeben.\u201c Doch mit jedem Mal wurde sie leiser, und dann begann sie es selbst zu glauben. Dass sie eine Hexe war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcr schwang auf. Der oberste Richter kam herein, und befahl dem Inquisitor, inne zu halten. Sein kleiner Sohn war krank, er rang mit dem Tod. \u201eKomm mit\u201c, sagte er zu Hildegard und f\u00fchrte sie an das Bett des Kindes. \u201eWenn du wirklich wei\u00dft, wie zu heilen ist, dann heile ihn \u2013 und ich will dir glauben, dass du nicht mit dem B\u00f6sen im Bunde bist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Hildegard h\u00f6rte nichts mehr. Das Wispern der Seelen der Kinder war immer das klarste und lauteste gewesen, wenn ihre M\u00fctter sie ihr brachten zur H\u00fctte im Wald. Doch nun war sie taub geworden daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Knabe starb am n\u00e4chsten Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Verhandlung kam, gestand Hildegard alles. Nur nicht noch einmal in den Folterkeller, mehr wollte sie nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Gierig leckten die Flammen empor. Die johlende Menge bekreuzigte sich und lobte die Macht der Kirche.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Engel barg sie in seinem Arm. \u201eMein Kind, mein armes Kind, was haben sie dir nur angetan.\u201c Hildegard sah, dass der Engel weinte. Aber warum sollte er um eine Hexe weinen?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu bist keine Hexe\u201c, sagte der Engel. \u201eDu warst dem Herrn ein Wohlgefallen und eine Zier, vergiss, was die B\u00f6sen dir gelogen haben. Die wollten nur nicht, dass dein Licht das Dunkle ihrer Herzen zeigt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Engel begleitete Hildegard zu einem kleinen Bachgrund. In der N\u00e4he weidete eine Herde Schafe. \u201eSiehst du dieses Kr\u00e4utlein dort? Ich will es dir schenken, h\u00fcte es und gib ihm all deine Liebe. Der Herrgott wird sich daran erfreuen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Millionen von Jahren zuvor war ein sterbender Riesenstern mit einem letzten Aufb\u00e4umen ein Quasar geworden, und hatte dabei einen gigantischen Gammablitz in das All geworfen. Ein Ausl\u00e4ufer dieser Strahlung, es war reiner Zufall, traf in just diesem Moment nach \u00e4onenlanger Reise Hildegards Kr\u00e4utlein, und in seinem Erbgut spalteten sich ein paar Chromosomen anders als zuvor. Eine neue Art war entstanden, im ewigen Spiel der Evolution.<\/p>\n\n\n\n<p>Sobald diese neuen Kr\u00e4uter sich ausgebreitet hatten am Bachlauf, wurden sie von den Schafen entdeckt. Ein L\u00e4mmchen war mutig genug, vielleicht auch ein wenig tollk\u00fchn, und labte sich daran. Es rief seine Freunde, ihnen zu zeigen, welch feine Speise es gefunden hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Raunen und Staunen und Bangen ging durch die Herde. Ein Schaf mit L\u00f6wenaugen, das hatten sie noch nie gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber es dauerte nicht lang, da weideten alle davon. Und bald schon, eines Morgens, war das Gatter leer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es braucht nur zwei, drei Hunde, eine Schafherde zu h\u00fcten. Doch f\u00fcr ein Rudel L\u00f6wen w\u00e4ren diese Hunde nur Futter. \u201eHildegard, bitte geh doch zum M\u00fcller und hole uns ein Pfund Mehl. 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