{"id":500,"date":"2021-10-02T21:37:27","date_gmt":"2021-10-02T19:37:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=500"},"modified":"2021-10-02T21:37:27","modified_gmt":"2021-10-02T19:37:27","slug":"wem-der-ruhm-gebuehrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2021\/10\/02\/wem-der-ruhm-gebuehrt\/","title":{"rendered":"Wem der Ruhm geb\u00fchrt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war nur Minuten her, da schien es Ahmat der beste Tag seines Lebens. Die Hochzeit seines gro\u00dfen Bruders, so ein sch\u00f6nes Fest. Alle lachten, tanzten und lobten Allah.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch dann taten sich die Schl\u00fcnde der H\u00f6lle auf, und das Heulen der Diener Shaitans donnerte in den Abend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ahmat irrte durch den Schutt. Die Tr\u00fcmmer der Rakete rauchten noch, aber er musste seine Mutter suchen. \u201eUmmi, Ummi, wo bist du?\u201c rief er, immer wieder, und das Blut, das ihm \u00fcber die Stirn und aus den Ohren quoll, mischte sich mit seinen Tr\u00e4nen. Als er sie endlich fand, die blicklosen Augen weit aufgerissen in den Himmel, die Ged\u00e4rme um ihre Beine gewickelt, kam ein gn\u00e4diges Dunkel und nahm ihn fort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Vorstandsvorsitzende r\u00fcckte seine Krawatte zurecht. \u201eNun werden wir sehen, aus welchem Holz du geschnitzt bist\u201c, dachte er, und mit einem Mausklick sendete er die Datei an den Senator. \u201eEs w\u00e4re Ihnen zu w\u00fcnschen, Sie werfen einen Blick auf das beigef\u00fcgte Video und \u00fcberlegen sich danach noch einmal Ihr Veto gegen Drohneneins\u00e4tze. Ein besorgter Freund.\u201c Die Mail ging \u00fcber einen anonymen Server, aber der Senator w\u00fcrde wissen, was ihm die Stunde geschlagen hatte. Erst die Aufnahmen des zu Tode gefolterten Kindes. Dann die engmaschige Video-\u00dcberwachung seiner \u00fcber alles geliebten Enkelin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Vorsitzende konnte es sich absolut nicht leisten, dass die Abstimmung zu Ungunsten seines Unternehmens ausgehen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eHey, der da lebt noch!\u201c Ahmat hatte gest\u00f6hnt in der Ohnmacht, seine Ohren schmerzten so sehr. Der Mann r\u00fcttelte ihn wach. \u201eKomm mit, wir m\u00fcssen weg hier, schnell. Oft bombardieren sie gleich noch einmal, um auch die Helfer zu treffen.\u201c Er hob den schm\u00e4chtigen K\u00f6rper des Jungen in seine Arme und trug ihn aus der Gefahrenzone.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele Wochen waren ins Land gegangen, der Kummer nur noch ein dumpfes Pochen, manchmal, in seinen Tr\u00e4umen. Jeden Tag besuchte Ahmat den Unterricht in der Koranschule, und endlich verstand er, was ihm widerfahren war. \u201eDer Teufel, das ist ein anderer Name f\u00fcr Amerika, und er pr\u00fcft deinen Glauben\u201c, so erkl\u00e4rte es der Imam ihm wieder und wieder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als der Imam Ahmat zu sich rief, nach dem Gebet, f\u00fchlte Ahmat sich sehr geehrt. \u201eDu hast brav gelernt\u201c, sagte der Imam, und strich dem Knaben \u00fcber den Kopf. \u201eDer Herr hat dich gerufen, wirst du Ihm folgen?\u201c Ahmat nickte eifrig. \u201eWas immer der Erhabene von mir w\u00fcnscht, ich werde Ihm treu sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Vorstandsvorsitzende trat vor die Kameras. \u201eIch f\u00fchle mich sehr geehrt, dass das amerikanische Volk uns erw\u00e4hlt hat, seiner Sicherheit zu dienen. Unsere neue Drohnengeneration wird \u00fcber optimale Freund-Feind-Erkennung verf\u00fcgen, bei zugleich h\u00f6chster Wirksamkeit. Mit diesem Werkzeug k\u00f6nnen wir die Feinde unserer Freiheit besiegen und der Krieg gegen den Terror wird bald beendet sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man musste den dummen Schafen eben sagen, was sie h\u00f6ren wollten. Dass die Zeiten der riesigen Boni und Dividenden ohne Krieg sofort vorbei w\u00e4ren, das musste man dem einfachen B\u00fcrger doch nicht erz\u00e4hlen. F\u00fcr so etwas war der doch sowieso viel zu bl\u00f6d. Und n\u00e4chstes Mal w\u00fcrde so eine billige Hochzeitsgesellschaft nicht mehr in den Schlagzeilen sein, daf\u00fcr hatte er gesorgt. Der Entzug der Werbebudgets hatte die Chefredakteure schnell zur Besinnung gebracht. Dann w\u00fcrde er den erfundenen Quatsch mit der Erkennungs-KI auch nicht mehr erw\u00e4hnen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angelina wartete schon auf ihn in seiner Suite. Das musste geb\u00fchrend gefeiert werden. F\u00fcr die nagenden Kopfschmerzen noch ein Aspirin, dachte der Vorsitzende, dann kann die Party beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Imam griff in den Schrank und holte eine Weste hervor. \u201eHier, probiere das doch bitte einmal an.\u201c Ahmat schl\u00fcpfte in die Weste, sie war ihm ein wenig zu gro\u00df, doch mit ein paar Handgriffen schn\u00fcrte der Imam sie fest.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eMorgen ist Markttag\u201c, sagte der Imam, \u201eund ein bekannter Politiker der Partei der verfluchten Gottlosen wird sprechen. Deshalb werden sehr viele der Soldaten des Teufels am Markt sein.\u201c Ahmats Herz schlug lauter. Endlich w\u00fcrde er es denen heimzahlen k\u00f6nnen, und seine Mutter w\u00fcrde Frieden finden. Und sehr stolz auf ihn sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSiehst du? Hier ist ein Schalter\u201c, fuhr der Imam fort. \u201eJetzt ist es noch nicht scharf, aber morgen, wenn du auf den Markt gehst, dr\u00fcckst du den Schalter zusammen, und dann aktivieren wir es. Sobald du danach den Schalter losl\u00e4sst, wird Allah einen gro\u00dfen Sieg erhalten. Und du kommst ins Paradies, und wirst mit 72 Jungfrauen belohnt. Bist du bereit?\u201c Ahmat wusste nicht, was eine Jungfrau ist, aber in dieser Welt gefiel es ihm ohnehin nicht mehr. \u201eJa\u201c, rief er, \u201eich will den Ruhm des Gepriesenen allen Menschen zeigen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Tablette hatte nicht geholfen, der Schmerz in seinem Kopf stach wie von Nadeln, aber der Vorstandsvorsitzende wollte sich den Abend nicht verderben lassen. Im Keller wartete ein Zwillingsp\u00e4rchen, frisch eingeflogen aus Haiti, und es war immer ein so besonderer Spa\u00df mit Angelina, sie hatte immer die besten Ideen, die Qual so gro\u00df und lang werden zu lassen, wie es nur vorstellbar war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit einem Mal wurde es dunkel. \u201eMach doch das Licht wieder an\u201c, wollte der Vorsitzende sagen, aber seine Zunge gehorchte ihm nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Doktor sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eEr hat einen schweren Schlaganfall erlitten, es steht zu bef\u00fcrchten, dass er sich nicht erholen wird. Weite Teile im pr\u00e4frontalen Cortex scheinen abgestorben.\u201c Der Aufsichtsrat reichte dem Doktor die Hand. \u201eHaben Sie herzlichen Dank f\u00fcr Ihre Bem\u00fchungen, und bitte sorgen Sie bestens f\u00fcr ihn. Die Firma wird f\u00fcr alles aufkommen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Sitzung war f\u00fcr den Abend anberaumt worden, der Aufsichtsrat hatte es ein wenig eilig. Da das arrogante Ekel nun weg war, sollte jetzt unbedingt sein Neffe den Vorsitz \u00fcbernehmen. Und dazu w\u00fcrde er die anderen Mitglieder des Gremiums noch ein wenig bearbeiten m\u00fcssen. Aber das w\u00fcrde kein Problem sein \u2013 die Fotos in seiner Tasche w\u00fcrden jeden von ihnen schnell \u00fcberzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDu musst versuchen, dass du so nah als m\u00f6glich an die Soldaten herankommst, merk es dir! Und dann l\u00e4sst du den Schalter los.\u201c Der K\u00e4mpfer sah Ahmat streng an. \u201eWir z\u00e4hlen auf dich, h\u00f6rst du?\u201c Ahmat machte ein grimmiges Gesicht. \u201eEs ist f\u00fcr meine Mama. Ich werde sie nicht entt\u00e4uschen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Joe sah das Kind, und etwas war seltsam an ihm. Es schien vor sich hin zu fl\u00fcstern, warum? \u201eKurzer Kontrollgang\u201c, sagte er zu seinem Kameraden und lief unauff\u00e4llig au\u00dfen herum, so dass er hinter dem Jungen herauskam, ohne dass Ahmat es bemerkte. \u201eLa ilaha illa llahu\u201c, und Joe wusste Bescheid. Das Totengebet der Muslime. Der war doch viel zu klein, und doch\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Joe legte die Hand auf die Schulter des Jungen. \u201eWie hei\u00dft du?\u201c Ahmat zuckte zusammen. Das Arabisch des Soldaten war grausig, aber er konnte es verstehen. \u201eAhmat, mein Herr. Ich will nur Blumen kaufen f\u00fcr meine Mutter.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSo ein sch\u00f6ner Name\u201c, sagte Joe. \u201eDer, dem Ruhm geb\u00fchrt.\u201c Joe war jetzt sehr froh, dass er sich in den Arabischkurs eingeschrieben hatte. Ihm war klar, dass er unbedingt eine menschliche Bindung zu dem Jungen aufbauen musste. \u201eWie alt bist du?\u201c fragte er. \u201e11 Jahre, und bitte, mein Herr, ich habe wenig Zeit.\u201c Ahmat wollte noch nicht loslassen. Er war noch viel zu weit von der B\u00fchne, die f\u00fcr die Rede des Politikers aufgebaut war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Vorstandsvorsitzende \u00f6ffnete die Augen. Eine rote, staubige W\u00fcste erstreckte sich vor ihm, so weit er nur blicken konnte. Neben ihm stand ein Engel. Der Engel blies in seine Posaune, und in der Ferne erhob sich ein Sturm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAhmat, sag, was hast du in der Hand? Darf ich es sehen? Wo wohnst du?\u201c Joe \u00fcberlegte fieberhaft, wie er das Vertrauen des Jungen gewinnen k\u00f6nnte. \u201eGehst du zur Schule?\u201c Ahmat wusste einfach nicht, was er machen sollte. \u201eGanz nah an die B\u00fchne\u201c, hatte der K\u00e4mpfer ihm eingesch\u00e4rft, wie sollte er den Soldaten nur loswerden? \u201eIch wohne im Waisenheim\u201c, sagte er, \u201eund ich gehe zur Schule, zwei D\u00f6rfer von hier.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Joe dachte, immerhin ein Anfang. \u201eMein Kleiner ist zehn, ihr w\u00e4ret bestimmt beste Freunde. Er spielt Baseball, hast du schon einmal Baseball gespielt?\u201c Dann sah er das Kabel, das von der Faust des Jungen in den \u00c4rmel lief. Er griff nach Ahmats Hand, schloss sie in die seine ein. \u201eIch werde nicht loslassen, verstehst du? Wir kommen hier beide heraus, und heute abend lade ich dich zum Essen ein, ok?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Sturm kam n\u00e4her, und der Vorstandsvorsitzende erkannte, was ihn bewirkte. Es war der F\u00fcrst der Finsternis mit seinem Gefolge. Der Vorsitzende war erleichtert. \u201eIch wusste, er w\u00fcrde mich nicht verlassen, ich wusste es\u201c, dachte er, und dennoch war ihm mulmig zumute. Ein ganzes Leben dem B\u00f6sen gedient, aber war seine M\u00fche auch angenommen worden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWelche M\u00fche?\u201c dr\u00f6hnte es in seinen Ohren. \u201eDu wolltest alles, und meine Kraft hast du daf\u00fcr genutzt. Dir ging es immer nur um dich, alles andere war dir egal.\u201c Der Teufel stand nun direkt vor dem Vorsitzenden. Sein feuriger Blick bohrte sich tief in die Seele des einst so stolzen, ber\u00fchmten Mannes. \u201eDen da will ich nicht\u201c, sagte er dann, an den Engel gewandt. \u201eF\u00fcr die Bu\u00dfe, die dem Not tut, fehlen sogar mir die Mittel.\u201c Der Teufel drehte sich um, und bald schon war der Sturm wieder in der Ferne verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNun denn\u201c, sprach der Engel. Er \u00f6ffnete die Hand, und ein Schmetterling stieg daraus auf in den Himmel. \u201eDieser Funken war von Ihm, und zu Seinem Thron kehrt er nun zur\u00fcck. Dir bleibt das K\u00f6nigtum dieser W\u00fcste hier, und sei unbesorgt, niemand wird sie dir jemals streitig machen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Engel war fort. Der Vorsitzende sank auf die Knie. Er war so durstig. Doch er begriff, nichts w\u00fcrde jemals wieder seinen Durst stillen. Er begann zu beten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das EEG zuckte kurz, aber keiner bemerkte es. Die leeren Augen des Vorsitzenden starrten an die Decke des Krankenzimmers. Sein Mund stand offen und ein Speichelfaden rann hervor. Ein namenloses Grauen war ihm ins Gesicht geschrieben. Es w\u00fcrde nie mehr vergehen. Denn manchen verzeiht selbst der Herrgott nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Politiker betrat die B\u00fchne. Ahmats Verzweiflung wuchs mit jeder Sekunde, und dann brach sie sich Bahn. \u201eWas soll meine Mutter nur von mir denken?\u201c fl\u00fcsterte er, und eine Tr\u00e4ne rollte \u00fcber seine staubigen Wangen. \u201eSie wird dich immer lieben\u201c, sagte Joe und zerschnitt das Kabel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war nur Minuten her, da schien es Ahmat der beste Tag seines Lebens. Die Hochzeit seines gro\u00dfen Bruders, so ein sch\u00f6nes Fest. Alle lachten, tanzten und lobten Allah. 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