{"id":489,"date":"2021-09-20T20:56:31","date_gmt":"2021-09-20T18:56:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=489"},"modified":"2021-09-22T21:54:57","modified_gmt":"2021-09-22T19:54:57","slug":"gnadenengel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2021\/09\/20\/gnadenengel\/","title":{"rendered":"Gnadenengel"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Karte kam mit der Post. Niemand hatte ihn angerufen, keiner hatte gewusst, wie wichtig es ihm gewesen w\u00e4re. Noahs alte Augen wurden feucht, und b\u00f6se Erinnerungen trugen ihn zur\u00fcck in seine Kindertage.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eLauf, schnell!\u201c Mama schickte ihn fort, doch wohin sollte er nur gehen ohne Mama? \u201eNein, ich will bei dir bleiben\u201c, weinte Noah. \u201eIch will immer bei dir bleiben, und wenn ich daf\u00fcr in die Scheol gehen m\u00fcsste!\u201c Aber Mama war unerbittlich. \u201eBenutze niemals mehr solche Worte, h\u00f6rst du! Das hei\u00dft H\u00f6lle, merk dir das! Und nun geh, bitte, um Moschiach, nein, um Christi Willen, wenn du mich liebst, dann geh!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noah war sieben Jahre alt, und die Vorstellung, er solle jemanden verlassen, weil er ihn liebt, war zuviel f\u00fcr ihn. Er barg das Gesicht in den H\u00e4nden, und ein schreckliches Schluchzen aus den Tiefen seiner Seele sch\u00fcttelte seinen kleinen K\u00f6rper.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als er wieder aufsah, war seine Mutter fort. Ohne sie war es so still geworden. Nur die barschen Befehle der fremden M\u00e4nner, und der L\u00e4rm, mit dem sie alles durcheinander warfen, hallten dumpf durch das Haus. Noah bekam es mit der Angst. Was sollte er nur tun? Diese M\u00e4nner waren b\u00f6se, der Klang ihrer Stimmen lie\u00df keinen Zweifel. Und Noah war allein. Er kroch in die hinterste Ecke des Kartoffelkellers und versteckte sich unter einem Jutesack.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie hatten alles durchsucht, auch den staubigen Kartoffelkeller. Aber um unter den Jutesack zu sehen, waren sie sich zu fein gewesen. Und Noah war mucksm\u00e4uschenstill geblieben, hatte sogar die Luft angehalten. Erst als viel sp\u00e4ter wieder Ruhe im Haus war, kroch er hervor. Er traute sich nicht, nach oben in die Wohnung zu gehen. \u201eLauf, schnell!\u201c hatte Mama gesagt, nur wohin?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noah wanderte durch die Stra\u00dfen, es d\u00e4mmerte schon. Sein Magen begann zu knurren. Wie sehr er seine Mamme vermisste, wo war sie blo\u00df? Ein leichter Regen setzte ein. Es nieselte nur, trotzdem war Noahs d\u00fcnne Joppe bald durchn\u00e4sst, und K\u00e4lte kam ihm ins Herz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andreas war m\u00fcde. Quer \u00fcber den Kontinent, die Kriegsg\u00fcter mussten an die Front. Drei Tage im F\u00fchrerstand, und fast kein Schlaf \u2013 er freute sich auf sein Bett. Ein Tag Ruhe war ihm verg\u00f6nnt, \u00fcbermorgen schon w\u00fcrde er wieder los m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch dann sah er den L\u00fctten, und wusste gleich, mit dem stimmt was nicht. \u201eHe, wohin des Wegs so sp\u00e4t?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noah erschrak, und brachte kein Wort hervor. Andreas fiel auf, dass der Junge zitterte. Er zog seine Jacke aus, und gab sie Noah. F\u00fcr Noah war das freilich ein Mantel, und der Kohlenstaub am Revers malte ihm ein ru\u00dfiges Muster auf die Wangen. \u201eNa\u201c, sagte Andreas, \u201eda siehst du gleich wie ein richtiger Lokomotivf\u00fchrer aus. Warum bist du denn noch nicht zu Hause?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noah fing an zu weinen. Es war alles zuviel, und es war auch alles egal. Mama war fort. \u201eEs ist niemand mehr da\u201c, schluchzte er. \u201eIch will nicht mehr leben, keiner mag mich\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andreas hockte sich vor das H\u00e4uflein Elend und sah dem Kind in die Augen. \u201eEines musst du dir merken, Kleiner, und zwar f\u00fcr immer: Wer k\u00e4mpft, kann verlieren. Wer nicht k\u00e4mpft, hat schon verloren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So war Andreas pl\u00f6tzlich Papa geworden, und kochte Haferbrei. Noah fasste Vertrauen, und stotternd, und unter vielen Tr\u00e4nen, erz\u00e4hlte er, was geschehen war. Andreas begriff. Er kannte die Viehz\u00fcge, wusste, wen man dort hineintrieb. Wohin sie fuhren, das wusste er zwar nicht. Er hatte sich zum Dienst an der Front gemeldet, weil er mit den Menschenschindern nichts zu tun haben wollte. Aber es konnte nichts Gutes sein, das war klar, man konnte es schon daran sp\u00fcren, wie brutal die Menschen in die Waggons gepfercht wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWir m\u00fcssen sehen, wie es weitergeht. Als erstes brauchst du einen anderen Namen\u2026 Noah, das ist zwar ein sch\u00f6ner Name, ich mag ihn, aber leider gibt es Verr\u00fcckte bei uns, die f\u00fcr ein paar B\u00f6se euer ganzes Volk in die Haftung nehmen. Als g\u00e4be es nicht auch B\u00f6se bei uns! Mehr als genug sogar!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas h\u00e4ltst du von Norbert? Dann bleiben dir wenigstens die ersten zwei Buchstaben, wie gef\u00e4llt dir das?\u201c Noah nickte. Noch immer fiel es ihm schwer, keine Angst zu haben. Aber dieser da war nicht so wie die anderen, deren unbedingten Hass er gewohnt war, seit er denken konnte. Es war ihm immer ein R\u00e4tsel gewesen, was er getan haben sollte, um solchen Hass zu verdienen. Doch es war besser, man dachte nicht dar\u00fcber nach, sondern ging diesen Anderen aus dem Weg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eGut, dann also Nobbi.\u201c Andreas z\u00fcndete sich eine Zigarette an. \u201eH\u00f6r zu, ich habe ein Schreberh\u00e4uschen drau\u00dfen am Stadtrand. Da kannst du eine Weile unterkommen, und dann wird es sich schon finden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er schlief eine Nacht dar\u00fcber, aber das \u00e4nderte nichts. Es blieb ihm nichts \u00fcbrig als Susanne einzuweihen. Sie war seine Nachbarin im Schrebergarten, und er w\u00fcrde doch so bald wieder fahren m\u00fcssen. Morgen schon. Wer sollte sich um das Kind k\u00fcmmern? So ging er also mit Nobbi zu seiner kleinen Laube und zeigte ihm, wo er sich verstecken m\u00fcsse, wenn jemand k\u00e4me. \u201eUnd das probieren wir gleich aus, in Ordnung? Ich muss etwas mit der Nachbarin besprechen, bitte bleib solange hier drin.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Susanne war eine herzensgute Frau, aber mit ihrer Angst kam sie nicht zurecht. \u201eDu bist verr\u00fcckt!\u201c rief sie. \u201eSie werden uns ins Lager werfen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWarum sind die nicht fortgegangen? Man hat es denen doch sogar angeboten, auszuwandern!\u201c ereiferte sie sich. Andreas blickte sie nachdenklich an. \u201eWird nicht anders gewesen sein als f\u00fcr uns. St\u00fcckchen f\u00fcr St\u00fcckchen geht die Freiheit verloren, und immerzu redet man sich ein, so schlimm wird es schon nicht werden. Und wenn du endlich erkennst, was aus deiner Heimat geworden ist, dann ist es l\u00e4ngst zu sp\u00e4t, noch gemeinsam dagegen aufzustehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit viel gutem Zureden, und dem Versprechen, dass der Junge sich die ganze Zeit verborgen halten w\u00fcrde, gelang es ihm schlie\u00dflich, Susanne zu \u00fcberreden, nach dem Kind zu sehen und ihm Essen zu bringen. Jedoch nur f\u00fcr ein paar Tage, darauf hatte sie bestanden, und keinen Zweifel gelassen, dass es ihr ernst war damit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gelegenheit kam zwei Wochen sp\u00e4ter. Eine Versorgungsfahrt nach Holland, zum Hafen in Rotterdam. Dort war zur Zeit alles ruhig, und er w\u00fcrde es wagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas ist mein Neffe Norbert. Meine Schwester ist krank, und ich habe ihr versprochen, den Jungen einige Tage zu nehmen. Er wird uns beim Kohleschaufeln helfen und macht bestimmt keinen \u00c4rger.\u201c Der Heizer sah Andreas erstaunt an. \u201eIch wusste gar nicht, dass du eine Schwester hast? Und du, und Kinder? Da lachen ja die H\u00fchner! Auf den werde wohl ich aufpassen m\u00fcssen.\u201c Der Heizer hatte f\u00fcnf Kinder, und er ahnte sofort, dass da etwas faul war. Aber das war ihm einerlei. Jedes Kind ist das Kind jedes Menschen, das war seine Philosophie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJetzt hei\u00dft es Abschied nehmen. Bitte sei brav und falle dem Kapit\u00e4n nicht zur Last. Er hat versprochen, dich in sichere H\u00e4nde zu bringen.\u201c Andreas bem\u00fchte sich, die Fassung zu bewahren, aber\u2026 der Junge war ihm lieb geworden. Als sie neulich ins Gr\u00fcne gefahren waren, und Fu\u00dfball gespielt hatten, der Kleine das erste mal wieder fr\u00f6hlich gewesen war, da hatte er die Zeiten bitterlich verflucht. Und nun brach ihm das Herz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch werde k\u00e4mpfen\u201c, versprach Noah. \u201eUnd ich werde dich nie vergessen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und nun, Jahrzehnte sp\u00e4ter, also diese Karte. \u201eMit gro\u00dfer Trauer geben wir bekannt, dass unser geliebter Vater, Gro\u00dfvater\u2026\u201c Nach dem Krieg war Noah noch einmal zu Besuch in die alte Heimat gefahren, und zu seiner gro\u00dfen Freude hatte Andreas es \u00fcberstanden und sogar die Liebe seines Lebens gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie hatten nicht viel geredet, beiden fehlten die Worte. Aber es war eine wundersch\u00f6ne Zeit gewesen. Danach hatten sie Kontakt gehalten \u00fcber all die Jahre, sich viele Briefe geschrieben. Noah hatte sich schon gewundert, warum er so viele Monate nichts mehr von Andreas geh\u00f6rt hatte\u2026 jetzt wusste er den Grund. Warum nur hatte ihm niemand Bescheid gesagt? Unbedingt h\u00e4tte er seinem Retter zumindest noch die letzte Ehre erweisen, nein, ihn am Sterbebett tr\u00f6sten wollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber dann dachte er, dass Andreas doch nun wieder zuhause ist, bei den Engeln, wo er hergekommen sein musste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn die Engel, das sind die, deren Herz das Dunkel besiegt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Karte kam mit der Post. Niemand hatte ihn angerufen, keiner hatte gewusst, wie wichtig es ihm gewesen w\u00e4re. Noahs alte Augen wurden feucht, und b\u00f6se Erinnerungen trugen ihn zur\u00fcck in seine Kindertage. \u201eLauf, schnell!\u201c Mama schickte ihn fort, doch wohin sollte er nur gehen ohne Mama? \u201eNein, ich will bei dir bleiben\u201c, weinte Noah. 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