{"id":485,"date":"2021-09-05T18:23:50","date_gmt":"2021-09-05T16:23:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=485"},"modified":"2021-09-05T18:23:50","modified_gmt":"2021-09-05T16:23:50","slug":"kompass-des-gluecks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2021\/09\/05\/kompass-des-gluecks\/","title":{"rendered":"Kompass des Gl\u00fccks"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Jugend erlebten Josef und Peter im Schutt der Bomben. Sie waren beide zu jung gewesen, um als letztes Aufgebot zu dienen. Nach dem Krieg waren sie dann, wie die meisten Kinder dieser Zeit, mehr oder weniger sich selbst \u00fcberlassen, und streiften mit ihren Kinderbanden durch die Ruinen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">15 war Josef gewesen, und Peter 12. Da lernten sie sich kennen, bei einem \u201eKrieg der Kn\u00f6pfe\u201c. Es ging um eine verlassene H\u00fctte in einem W\u00e4ldchen, ihre beiden Banden wollten sie f\u00fcr sich als Hauptquartier. Und so duellierte man sich darum, mit Schleudern und Wasserbomben. Josef fand Peter weinend unter einem Baum. Peters gr\u00f6\u00dfter Schatz, ein Kompass, war bei einer Rauferei zu Bruch gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einen Kompass hatte Josef nicht, aber eine Lupe. Er schenkte sie Peter, weil er ihn nicht weinen sehen wollte. Von da an waren sie beste Freunde.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Weile sp\u00e4ter stie\u00df noch Martin hinzu, und bald darauf begann ihre gro\u00dfe Skatzeit. Jeden freien Abend, den ihre Berufe ihnen lie\u00dfen, verbrachten sie mit Skat und stundenlangen Gespr\u00e4chen \u00fcber M\u00e4dchen und Fu\u00dfball.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Peter heiratete bald, und Josef auch. Und es dauerte nicht lang, da kamen bei beiden die Kinderlein. Nur Martin schien zum ewigen Junggesellen bestimmt. Die holde Weiblichkeit war ihm ein R\u00e4tsel, \u00fcber das ihn seine Freunde immer wieder neckten. Doch das war Martin ganz egal, er lachte am lautesten mit. Wie sehr sie sich am\u00fcsiert hatten \u00fcber Martins unbeholfene Aufforderungen zum Tanz\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNiemand hatte die Absicht\u201c, doch mit einem Mal und \u00fcber Nacht waren ihre D\u00f6rfer getrennt. Das Land dazwischen wurde zur Todeszone, und mit den Skatabenden war es vorbei. Manchmal winkten sich die Freunde noch \u00fcber die Grenzposten hinweg zu, doch bald wurde auch das verboten, unter Androhung von Schusswaffengewalt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Martin hielt es nicht aus im genormten sozialistischen Gl\u00fcck, das f\u00fcr ihn nur ein pr\u00fcder K\u00e4fig war. Er wagte es, eines Nachts, und fiel im Kampf um seine Freiheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sollte jedoch viele Jahre dauern, bevor Josef davon erfuhr. Josef machte Karriere, zun\u00e4chst im Einzelhandel, dann im Gro\u00dfhandel, und stieg schlie\u00dflich zu einem internationalen Logistik-Experten auf, der die ganze Welt bereiste. Mit Fug und Recht durfte er sich als einen der Eltern des \u201eWirtschaftswunders\u201c ansehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Peter jedoch buk kleinere Br\u00f6tchen, ihm war schnell klar geworden, man musste sich eine Nische suchen, in der man vergessen wurde. Denn f\u00fcr ihn z\u00e4hlte nur eines auf der Welt \u2013 seine kluge Frau und seine \u00fcber alles geliebten Kinder. In einer LPG schuftete er sich krumm, aber solange man als Landmann brav seine Arbeit tat, blieb man von allem verschont. Und mehr wollte Peter nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als die Mauer fiel, ging Josef gerade in Rente. Und so hatte er Mu\u00dfe, und fuhr in die alte Heimat. Es war nicht leicht, denn er hatte den Nachnamen seines Freundes vergessen. Peter war immer nur Peter gewesen f\u00fcr ihn\u2026 naja, so ungef\u00e4hr brachte er es aber noch zusammen, und nach einiger Sucherei fielen sich die beiden in die Arme. Und es war, als w\u00e4re keine Zeit vergangen seither.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst dann h\u00f6rte Peter von Martins Schicksal, und dass es keine fr\u00f6hlichen Skatabende mehr geben w\u00fcrde. Doch viele Male trafen die Beiden sich danach, bei Josef, bei Peter, ihre Freundschaft war jung wie am ersten Tag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als es f\u00fcr Josef Zeit wurde, einen Altersruhesitz zu suchen, w\u00e4hlte er einen in der alten Heimat. Ja, seine Kinder w\u00fcrden es weiter haben, ihn zu besuchen, aber weil Peter versprochen hatte, er w\u00fcrde auch dorthin ziehen sobald er an der Reihe w\u00e4re, war Josef die Entscheidung sonnenklar. Seine Kinder hatten ihr eigenes Leben, er w\u00fcrde sie ein paarmal im Jahr sehen \u2013 was war das gegen einen Freund, der die M\u00fchen des Alters mit ihm teilen w\u00fcrde. Denn seit seine Frau gestorben war, wusste er viel zu gut um die Qual einsamer Abende.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Peter besuchte ihn oft und sie machten viele lustige Ausfl\u00fcge, bei denen eine Menge Bier flo\u00df. Und Peter hielt Wort, und zog mit seiner Frau ein paar Jahre sp\u00e4ter in das selbe Altenheim.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bald aber war auch Peter allein, auch seine Frau ging vor ihm. Doch die Qual einsamer Abende lernte er niemals so sehr kennen wie Josef. Da war Josef vor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann kam Mathilde in ihr Leben, bei einem Konzert im Park. Mathilde war eine pensionierte Bardame und lebte in einer anderen Einrichtung im Ort. Sie liebte die M\u00e4nner, nicht, dass sie nicht auch Kummer mit ihnen erlebt h\u00e4tte. Aber \u201emit den Frauen war es mehr\u201c, pflegte sie zu sagen. Und auf einmal gab es wieder eine Skatrunde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Peter und Josef hatten noch nie einen so lebensfrohen und gl\u00fccklichen Menschen kennengelernt wie Mathilde. Sie war wie ein Sonnentag im Sp\u00e4therbst, und schmerzende Knochen und kurzer Atem waren pl\u00f6tzlich ganz egal. Bei einem ihrer regelm\u00e4\u00dfigen Skatabende fragte Josef Mathilde, was denn ihr Geheimnis sei. \u201eWelches Geheimnis soll ein Plappermaul wie ich schon haben?\u201c scherzte Mathilde, aber Josef meinte es ernst. \u201eWoher sch\u00f6pfst du diese Lebensfreude, dieses Gl\u00fcck, das dich umgibt wie Wasser einen Fisch?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAch\u201c, sagte Mathilde, \u201edas ist ganz einfach. Gl\u00fcck, das ist, anderen Gl\u00fcck zu schenken. Denn das Gl\u00fcck, das man selber hat, das h\u00e4lt nur ein paar Tage und wird schnell schal. Doch das Gl\u00fcck, das man anderen gibt, das landet beim Herrgott \u2013 und Da ist es ewig.\u201c Und in einem ihrer seltenen Momente des Gr\u00fcbelns f\u00fcgte sie hinzu: \u201eDie Menschen qu\u00e4len sich so sehr um einen Sinn im Leben, dabei ist der doch nicht schwer \u2013 der Sinn des Lebens ist, f\u00fcr andere da zu sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNaja\u201c, sagte Peter, \u201eda hat man ja auch keine Zeit f\u00fcr solche Fragen, wenn man deiner Philosophie folgt.\u201c Und alle drei mussten herzlich lachen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch dann kam das Virus aus China, und alle wurden eingesperrt. Mathilde starb zuerst, ihr Leben hatte seinen Sinn verloren. Als Peter und Josef davon h\u00f6rten, war der sonnige Herbst ein schrecklich kalter Winter geworden. Sie durften noch nicht einmal zur Beerdigung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allein in ihren Zimmern fassten sie, jeder f\u00fcr sich, aber im alten Bund ihrer Seelen, zur gleichen Zeit den gleichen Entschluss. Sie a\u00dfen nicht mehr, sie tranken nicht mehr. Und so starben bald auch sie, im Abstand weniger Tage, und folgten Mathilde heim zum Sch\u00f6pfer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn was w\u00e4re das Leben schon wert, wenn es sich nur noch vor dem Tod f\u00fcrchtet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Jugend erlebten Josef und Peter im Schutt der Bomben. Sie waren beide zu jung gewesen, um als letztes Aufgebot zu dienen. Nach dem Krieg waren sie dann, wie die meisten Kinder dieser Zeit, mehr oder weniger sich selbst \u00fcberlassen, und streiften mit ihren Kinderbanden durch die Ruinen. 15 war Josef gewesen, und Peter 12. 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