{"id":478,"date":"2021-08-29T10:09:40","date_gmt":"2021-08-29T08:09:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=478"},"modified":"2021-08-31T13:57:40","modified_gmt":"2021-08-31T11:57:40","slug":"die-letzte-flocke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2021\/08\/29\/die-letzte-flocke\/","title":{"rendered":"Die letzte Flocke"},"content":{"rendered":"\n<p>Nachdenklich drehte der alte Mann die Medaille in den Fingern. \u201eF\u00fcr besondere Tapferkeit\u201c, wie oft hatte er diese Worte schon gelesen. Und so sehr hatte er es sich gew\u00fcnscht sein Leben lang, sein Vater w\u00e4re nicht tapfer, sondern bei ihm gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fritz sah es, rings um ihn her. Dieses Lager war der Tod. Wie sehr er sich sehnte, seinen kleinen Jungen noch einmal in den Arm nehmen zu k\u00f6nnen. Aber es w\u00fcrde nicht sein. Er w\u00fcrde sterben, in den Steinbr\u00fcchen, in der K\u00e4lte, und seinen Sohn zur\u00fccklassen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der alte Mann wusste, dass seine Zeit gekommen war. Der Herrgott forderte den Seelenfunken zur\u00fcck. War es ein gutes Leben gewesen? Nun, er hatte seine Kinder nicht im Stich gelassen, so wie sein Vater ihn, war immer f\u00fcr sie da gewesen, so gut er es nur vermocht hatte. Und da war jetzt auch diese kleine Schar von Enkeln. Er w\u00fcrde gehen k\u00f6nnen, in Frieden mit sich und der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Fritz schl\u00fcpfte aus der Baracke. Heute nacht w\u00fcrde er fliehen, und wenn er erschossen w\u00fcrde, dann w\u00e4re es ihm auch einerlei. Heim zu Weib und Kind, das war alles, um was er flehte. Und m\u00fcsste er auch 9000 Kilometer laufen daf\u00fcr. \u201eWenn die Wahl zwischen sicherem Tod im Lager, und m\u00f6glichem Tod auf der Flucht ist, dann ist es doch eine leichte Wahl\u201c, so dachte er es sich, immer noch naiv, und noch immer im Unverst\u00e4ndnis der b\u00f6sen M\u00e4chte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ein Furor hatte die Welt ergriffen, als Fritz gerade mal 18 gewesen war. Die V\u00f6lker begannen einander zu hassen in aller Inbrunst. Es war wieder das alte, uralte falsche Spiel der Wenigen, und die Menschen waren wieder einmal, wie schon so oft, darauf hereingefallen. Fritz jedoch war dagegen gefeit gewesen, denn all sein Sinnen drehte sich nur um Marie. Wenn sie ihn ansah, mit diesem verschmitzten L\u00e4cheln, dann war das Paradies schon da. Doch er musste fort, der Heimat dienen, wie es hie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Die g\u00fctigen Tage, als ein Schrapnell ihn am Oberschenkel verletzt hatte. Die Heirat, noch bandagiert und humpelnd, aber wie gl\u00fccklich alle waren, und so ein sch\u00f6nes Fest. Die Front war weit weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Heimaturlaub, zur Belohnung, weil er f\u00fcnf verletzte Kameraden einer anderen Kompanie unter feindlichem Feuer so lange verbissen verteidigt hatte, bis die Hilfe kam. Alle bis auf einen hatten \u00fcberlebt, und einen Orden hatte er auch bekommen. \u201eF\u00fcr besondere Tapferkeit\u201c, stand darauf, aber das war ihm egal. Er schenkte ihn Marie, denn nichts auf der Welt kam dem gleich, wie es gewesen war, das kleine W\u00fcrmchen in den Armen zu wiegen. Er wollte ihn wiedersehen, so sehr, f\u00fcr ihn da sein, ihn h\u00fcten und umsorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er schlich leise aus der Baracke. Das Lager war dunkel und still, nur das St\u00f6hnen der sterbenden M\u00e4nner in ihrem qualvollen Schlaf war zu h\u00f6ren. Vor drei Tagen schon hatte er das Werkzeug deponiert in der N\u00e4he des Zauns, leise schnitt er sich durch den Drahtverhau. Endlich fiel das letzte St\u00fcck. Fritz kroch durch den Schnee, noch immer keine Rufe, kein Licht. Er musste es nur bis zum W\u00e4ldchen schaffen, dann\u2026 die Sirenen gingen an. Suchscheinwerfer schnitten gierig durch die Nacht. Es gab keine Wahl mehr. Er sprang auf, und rannte los.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine schwere Faust traf ihn in den R\u00fccken. Fritz schlug lang vorne\u00fcber, die Arme ausgebreitet im Schnee.<\/p>\n\n\n\n<p>Der alte Mann seufzte kurz, dann schloss er die Augen und gab seine Seele in die H\u00e4nde des Herrn. Der Engel kam. Sanft nahm er den alten Mann in den Arm. \u201eNun\u201c, sagte der Engel, \u201ewieder daheim.\u201c Der alte Mann sah den Engel an. Er war wundersch\u00f6n. \u201eWerde ich meinen Papa wiedersehen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist nicht so, wie du denkst\u201c, fl\u00fcsterte der Engel. Behutsam breitete er die Schwingen aus und flog mit dem alten Mann in eine ferne Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Fritz sp\u00fcrte, wie das Leben von ihm wich. Sein hei\u00dfes Blut schmolz den Schnee. Der Engel kam. \u201eAber warum?\u201c weinte Fritz. \u201eIch wollte so gern Marie wiedersehen, und mein feines Kind.\u201c Ernst sah der Engel ihn an. \u201eWie schwer ist ein Wassertropfen? Wieviel wiegt eine Schneeflocke?\u201c Fritz war verwirrt, was sollten diese Fragen im Angesicht des Todes. Aber er antwortete dem Engel dennoch: \u201eSehr, sehr leicht sind beide, sie wiegen kaum mehr als Nichts.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd doch\u201c, sagte der Engel, \u201eist es der eine letzte Tropfen, der den prallen Damm zum Bersten bringt. Und es ist die eine letzte Flocke, die den schneebepackten Ast brechen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu hast deine Pflicht getan. Du warst tapfer im Angesicht des B\u00f6sen, und hast gek\u00e4mpft um das Leben deiner Frau und deines Kindes. Denn m\u00f6gen sie dir auch fern gewesen sein all die Jahre, deine M\u00fche galt doch immer nur ihnen. Wie willst du es wissen, ob du nicht gerade der eine Tropfen bist, der deine Frau besch\u00fctzt, und die eine Flocke, die das Leben deines Sohnes bewahrt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marie hetzte durch die Nacht. Der Rucksack mit ihrer n\u00f6tigsten Habe wog schwer, und auf dem Arm trug sie das Kind. Der Junge hustete so schlimm in den letzten Tagen, der Gewaltmarsch in das W\u00e4ldchen mit den rettenden Kutschen war zu viel f\u00fcr ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFrau komm her!\u201c Marie erstarrte. Sie wusste, was nun kam. Verschleppt in einen Bunker, 10, 15 M\u00e4nner, solange, bis sie tot sein w\u00fcrde, und dann noch weiter. Oh Gott, dachte sie, mein Kind, er ist doch so krank.<\/p>\n\n\n\n<p>Wilhelm h\u00f6rte den kehligen Ruf, sah die junge Frau mit dem Kind. Auch er wusste, was das zu bedeuten hatte. Vor acht Tagen erst war er aus dem Lazarett entlassen worden. Zwei Jahre war er dort gewesen, nachdem ein besonders tapferer Fremder ihn bewusstlos und sterbend doch noch gerettet hatte vom Schlachtfeld.<\/p>\n\n\n\n<p>So viel Furchtbares hatte Wilhelm seit seiner Entlassung schon mit ansehen m\u00fcssen, das Schicksal der Frau war offensichtlich. \u201eAch, w\u00e4re ich doch gestorben im Niemandsland wie der F\u00fcnfte von uns, dann m\u00fcsste ich all dies hier nicht ertragen\u2026\u201c Er zog sein Messer, und schrie den Soldaten an: \u201eLass sie sofort gehen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Soldat drehte sich um. Ein b\u00f6ses L\u00e4cheln umspielte seine Lippen. Der da war ihm auch recht.<\/p>\n\n\n\n<p>Marie nutzte die Gunst der Verwirrung und rannte los, so schnell ihre Beine sie tragen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wilhelm hatte keine Chance. Das Bajonett des Soldaten durchbohrte ihn. Aus den Augenwinkeln sah er die fliehende Frau. \u201eSie wird es schaffen\u201c, dachte er, und an diesen Trost klammerte er sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Engel kam.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdenklich drehte der alte Mann die Medaille in den Fingern. \u201eF\u00fcr besondere Tapferkeit\u201c, wie oft hatte er diese Worte schon gelesen. Und so sehr hatte er es sich gew\u00fcnscht sein Leben lang, sein Vater w\u00e4re nicht tapfer, sondern bei ihm gewesen. Fritz sah es, rings um ihn her. Dieses Lager war der Tod. 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