{"id":474,"date":"2021-08-23T07:35:56","date_gmt":"2021-08-23T05:35:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=474"},"modified":"2021-11-09T18:59:25","modified_gmt":"2021-11-09T17:59:25","slug":"und-wuesstest-du-von-der-liebe-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2021\/08\/23\/und-wuesstest-du-von-der-liebe-nicht\/","title":{"rendered":"Und w\u00fcsstest du von der Liebe nicht"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der K\u00f6nig war unruhig. Die Stra\u00dfen waren so stumm. Hatten die Menschen sich abgefunden \u2013 oder war es die Ruhe vor dem Sturm?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er lie\u00df nach seinem ersten Berater rufen. \u201eHat das Volk nun endlich aufgegeben?\u201c Der Wesir schwieg, und der K\u00f6nig sah Furcht im Antlitz des treuen Gef\u00e4hrten. Die Stille lastete dr\u00fcckend. Schlie\u00dflich hob der Wesir die Stimme, doch war es kaum mehr als ein Fl\u00fcstern: \u201eAlle Modelle haben versagt, Sire. Der zentrale Rechenkern ist gestern sogar abgest\u00fcrzt. Die Programmierer arbeiten seit Stunden, um ihn neu zu starten. Aber sie sagen, solange sie nicht finden, warum der schwere Ausnahmefehler aufgetreten ist, wird das nicht viel n\u00fctzen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der K\u00f6nig begann zu schwitzen. Ohne den zentralen Rechenkern war er, waren alle seine Minister blind. Denn jeden, der noch eigenst\u00e4ndig denken und urteilen konnte, hatte er entlassen, bevor\u2026 Der K\u00f6nig b\u00e4umte sich auf. \u201eSelbst das sollte doch einerlei sein, das Netz ist doch noch immer intakt \u2013 was also sollten die Menschen schon tun?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWir wissen es nicht, mein Herrscher\u201c, antwortete der Berater. \u201eWir haben einfach noch nicht verstanden, was los ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor dem Palast entstand ein L\u00e4rm. \u201eWas ist es\u201c, rief der K\u00f6nig. \u201eWer wagt es?\u201c Menschen waren vor dem Palast. Sie trugen wei\u00dfe B\u00fcndel und legten sie vor das Tor. Es wurden immer mehr. W\u00e4hrend der K\u00f6nig und sein Berater noch \u00fcber die unwirkliche Szenerie gr\u00fcbelten, h\u00e4mmerte es an der T\u00fcr. Es war der oberste Palastw\u00e4chter. Er verneigte sich dreimal, und dann sprudelte es aus ihm hervor: \u201eSie bringen uns ihre toten Kinder. Was sollen wir nur tun, mein Lord?\u201c Der K\u00f6nig wurde laut: \u201eUnd mit derlei Nichtigkeiten bel\u00e4stigt er mich? Jage er die Sturmtruppen auf sie, und st\u00f6re er nicht weiter meine Amtsgesch\u00e4fte!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie Truppen sind alle krank, mein Gebieter\u201c, antwortete der General. \u201eWie Ihr es befohlen habt, erhielten sie vor 10 Tagen das Gift. Und nun wird es eine Weile dauern, bis sie wieder zum Einsatz kommen k\u00f6nnen. Und, wie Ihr wisst, es werden auch nicht alle \u00fcberstehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gift, von welchem der General sprach, war die gr\u00f6\u00dfte Errungenschaft des K\u00f6nigs in seinem Leben voll von gro\u00dfen Siegen und erreichten Zielen. Es befreite die Menschen von jeglichem Staatszweifel, wer es genommen hatte, begr\u00fc\u00dfte fortan jeden Befehl der Obrigkeit mit Freude und Gl\u00fcck im Herzen. Und das Beste daran war, dass es sogar an die Nachkommen vererbt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sicher, ein paar \u00fcberlebten die Injektion nicht, aber das war doch nur ein geringer Preis f\u00fcr einen solchen Segen. Der K\u00f6nig war immer wieder froh, wenn er daran dachte, wie beruhigt und friedlich die Menschen von nun an f\u00fcr alle Zeit sein w\u00fcrden, wieviel Kummer er ihnen genommen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Tage gingen ins Land. Inzwischen stank es furchtbar vor dem Palast. Jeden neuen Tag brachten die Menschen noch mehr B\u00fcndel in wei\u00dfen T\u00fcchern. Die Kinder jedoch schienen ihnen ausgegangen zu sein, denn die B\u00fcndel waren gr\u00f6\u00dfer geworden. Als der K\u00f6nig dazu seinen Wesir befragt hatte, hatte er zur Antwort bekommen, dass es nun die Alten seien, die man dem K\u00f6nig zum Geschenk machte. Die Menschen verst\u00fcnden, dass das gro\u00dfe Opfer zu erbringen sei f\u00fcr die ewige Ruhe, die der K\u00f6nig ihnen schenkte, und die B\u00fcndel w\u00e4ren ihr Ausdruck von Dankbarkeit daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der K\u00f6nig hatte das gern glauben wollen, und es hatte ihn f\u00fcr eine Nacht ein wenig besser schlafen lassen. Inzwischen aber kroch ihm, jeden Tag ein wenig mehr, die Angst ins Genick. Noch immer keine Wachen, sie konnten doch nicht alle noch immer krank sein? Und wo war sein erster Berater, er hatte schon dreimal nach ihm l\u00e4uten lassen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die T\u00fcr flog auf. Endlich, dachte der K\u00f6nig, aber f\u00fcr dieses Benehmen werde ich den Wesir scharf r\u00fcgen m\u00fcssen\u2026 doch es war nicht der Wesir. Es waren f\u00fcnf dem K\u00f6nig v\u00f6llig unbekannte M\u00e4nner. Sie umringten ihn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gericht beriet nur drei Tage. So ein <meta http-equiv=\"content-type\" content=\"text\/html; charset=utf-8\">schlimmer und gemeiner M\u00f6rder wie dieser K\u00f6nig\u2026 was sollte man schon gro\u00df \u00fcberlegen, wie die Strafe ausfallen musste. M\u00f6ge Gott geben, dass nie wieder so einer \u00fcber die Menschen k\u00e4me.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Priesterin kam in die Zelle. Der K\u00f6nig sah auf. \u201eIch verstehe es nicht. Wie haben die Menschen meine Herrschaft nur \u00fcberwerfen k\u00f6nnen? Es war unm\u00f6glich, v\u00f6llig ausgeschlossen, dass sie aufbegehren k\u00f6nnten! Bitte, Mutter, erkl\u00e4re es mir!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Priesterin blickte dem K\u00f6nig in die Augen. \u201eSie haben aufgeh\u00f6rt zu arbeiten. Wer von deinen Kriegshunden dazu gezwungen wurde, der ging zwar zur Arbeit, tat dort aber nichts, oder wenn doch, nur Unsinn. Bald hatte nat\u00fcrlich niemand mehr Geld, und der Hunger griff um sich. Aber die, die Vorr\u00e4te hatten, oder einen Garten, halfen den anderen, und die Reichen gaben all ihr Verm\u00f6gen auf, um den Schatz der Liebe zum N\u00e4chsten zu gewinnen. Und so hielt man durch, Tag um Tag. Bis dein Reich zu Staub geworden war.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der K\u00f6nig seufzte. Wenn doch blo\u00df dieser vermaledeite Computer nicht abgest\u00fcrzt w\u00e4re! Er h\u00e4tte wissen k\u00f6nnen, was geschah, und etwas dagegen unternehmen k\u00f6nnen! \u201eAber wieso? Es ging den Menschen doch so gut!\u201c bellte der K\u00f6nig die Priesterin an. Selbst hier, im dunklen Loch, hatte er seine \u00fcberhebliche Art nicht verloren, und konnte noch immer kein Bisschen eines Anderen Seele sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Priesterin sah den K\u00f6nig lange an. Inw\u00e4ndig erschien ihr eine weite Schar von toten Kindern, M\u00fcttern, V\u00e4tern, Alten. Ja, sie hatte bei der Ewigkeit geschworen, jede, wirklich jede Seele zu tr\u00f6sten, aber\u2026 dieser da besa\u00df keine mehr. Die Priesterin stand auf und rief nach dem W\u00e4rter, sie herauszulassen. Die w\u00fctenden und beleidigenden Anw\u00fcrfe des K\u00f6nigs waren ihr vollkommen egal.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Henker f\u00fchrte den K\u00f6nig zum Schafott. Jetzt endlich war der K\u00f6nig wieder klein geworden. \u201eEinen letzten Wunsch, der Herr?\u201c fragte der Henker. \u201eBitte verrate es mir\u201c, wisperte der K\u00f6nig. \u201eWoher nahmt ihr die Kraft? Es war v\u00f6llig unm\u00f6glich, wie ging es blo\u00df zu?\u201c Im Stillen jedoch dachte er, wenn ich das hier hinter mir habe, die Garde gekommen ist, mich zu retten, dann w\u00fcsste ich, wie das Gift zu verbessern ist\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNun\u201c, antwortete der Henker freundlich, \u201eich werde es dir sagen, doch du wirst es nicht verstehen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und w\u00e4re dein wirklich jeder Stern<br>Und w\u00fcsstest du von der Liebe nicht<br>So w\u00e4rest doch vom Einen so fern<br>Als ein Herz, das in Trauer zerbricht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und w\u00fcrde jeder nur dir dienen<br>Und erg\u00e4bst du dich der Liebe nicht<br>So w\u00fcrde doch Hoffnung ergr\u00fcnen<br>Als Glaube an das Heilige Licht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Beil fiel. \u201eOha\u201c, dachte der K\u00f6nig, \u201eich bin noch gar nicht tot.\u201c Denn sein Kopf hatte zwar den K\u00f6rper verloren, doch solange noch Blut in seinem Hirn war, und darin Sauerstoff, solange blieben ihm noch ein paar Sekunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor dem K\u00f6nig trat eine Gestalt aus den Schatten. \u201eDu hast mich gesucht, ein Leben lang. Wohlan, so bin ich also hier.\u201c Der K\u00f6nig war aber \u00fcberhaupt nicht getr\u00f6stet, denn er sah Hufe, H\u00f6rner und eine schreckliche Dornenpeitsche. \u201eAber\u2026 warum? Warum ich?\u201c Im Versuch, diese Worte zu bilden, verzerrte sich das sterbende Gesicht des K\u00f6nigs zu einer grotesken Fratze. Das Lachen eines Kindes \u00fcber diese Grimasse flog glockenhell \u00fcber den Platz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas einer liebt, dort geht er hin\u201c, sagte der Teufel und schlug zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und w\u00fcsstest du von der Liebe nicht\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der K\u00f6nig war unruhig. Die Stra\u00dfen waren so stumm. Hatten die Menschen sich abgefunden \u2013 oder war es die Ruhe vor dem Sturm? Er lie\u00df nach seinem ersten Berater rufen. \u201eHat das Volk nun endlich aufgegeben?\u201c Der Wesir schwieg, und der K\u00f6nig sah Furcht im Antlitz des treuen Gef\u00e4hrten. 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