{"id":452,"date":"2021-06-10T09:58:51","date_gmt":"2021-06-10T07:58:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=452"},"modified":"2022-07-04T08:33:38","modified_gmt":"2022-07-04T06:33:38","slug":"der-tag-des-boesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2021\/06\/10\/der-tag-des-boesen\/","title":{"rendered":"Der Tag des B\u00f6sen"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Auf einer Welt weit fort von der unseren<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMama, wieso ist das ein Feiertag? Das ist doch verr\u00fcckt \u2013 warum feiern wir das B\u00f6se?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ch\u2019tiagna sah von den Ausflugsvorbereitungen auf. Was f\u00fcr ein h\u00fcbsches Kind mir doch geschenkt wurde, dachte sie. Und wie klug sie ist! F\u00fcr immer w\u00fcrde sie dem Ton Der Stille danken f\u00fcr dieses Gl\u00fcck, ihrer kleinen Shurina als Mutter dienen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch freue mich, dass du fragst\u201c, sang sie, und im melodischen Vibrieren ihrer Schnurrhaare lag ihre ganze Liebe f\u00fcr ihre Tochter. \u201eEs darf nicht gelehrt werden an den Schulen, und auch die Eltern d\u00fcrfen es erst sagen, wenn das Kind selbst es fragt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u201eSeit das Lied Des Universums dir das Leben gegeben hat, bist du jedes Jahr mit hinausgefahren an den Fluss, um Trirogarde zu fangen. Doch nur um sie sofort wieder freizulassen\u2026 Du wei\u00dft, wir k\u00f6nnen nicht leben ohne Trirogarde. Hast du dich jemals gewundert, warum wir sie an nur diesem einen Tag immer verschonen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Shurina \u00fcberlegte. \u201eWeil es da die ganzen Leckereien gibt und niemand Lust auf schon wieder das Gleiche hat?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Symphonie des Lachens ihrer Mutter verband sich harmonisch mit den Kl\u00e4ngen des tiefgr\u00fcnen Morgens. \u201eSo einfach ist es nicht. Sicher, tagein, tagaus Trirogard ist freilich langweilig, aber ohne diese Speise w\u00fcrden wir sterben. Unsere Tracheen m\u00fcssten zerbluten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist nun viele Jahrhunderte her, da meinte unsere Art, sie sei berufen, sich \u00fcber die Sch\u00f6pfung zu erheben. Trirogard wurde immer ausgefeilter zubereitet, man schmeckte kaum noch etwas davon und es gab tausenderlei raffinierte Rezepte, die die Natur vergessen machten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDoch bald kamen die Gierigen und Machtversessenen auf die Idee, den Anteil an Trirogard in all den Riegeln und Pasten durch k\u00fcnstliche Aromen und grelle Farben nur mehr vorzut\u00e4uschen, um immer weniger des teuren Rohstoffs verwenden zu m\u00fcssen. Es war ein doppelter Trick: Die Herstellung wurde billiger, und man musste ein Vielfaches essen, um ausreichend des heiligen Somas zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMan redete uns, um das k\u00fcnstliche Zeug schicker zu machen, sogar den Hass auf unsere eigene Art ein, erzog uns zur Verachtung uns selbst gegen\u00fcber! Wir h\u00e4tten uns \u00fcber die l\u00e4stigen Fesseln unseres Seins zu erheben, die seien unn\u00fctzer Kram. Ja, das kam der Faulheit der Leute sehr gelegen! Nur ein bisschen hassen, und gleich ist man etwas Besseres!<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd so wurden die R\u00e4uberbarone immer reicher und reicher, obwohl sie doch immer b\u00f6ser und b\u00f6ser wurden, und kauften sich bald sogar die Regierungen. Stell dir vor, um ihre Gewinne noch mehr zu steigern, lie\u00dfen sie es sogar verbieten, selbst Trirogarde zu fangen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber das ist doch Mord\u201c, erschrak Shurina, und ihre Augen wurden gro\u00df. \u201eWie kann man nur so dumm sein?\u201c Und sie meinte damit sowohl die, die es taten, als auch die, die es sich gefallen lie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie R\u00e4uberbarone beherrschten alles\u201c, fl\u00f6tete Ch\u2019tiagna traurig. \u201eSie besa\u00dfen nicht nur die Regierungen, auch die Zeitungen, das Radio und das Fernsehen. Und sie verbl\u00f6deten das Volk nach jeder nur vorstellbaren M\u00f6glichkeit\u2026 damit dieses es nicht bemerkte, wie es in den Abgrund gef\u00fchrt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDenn so war es. Wir wurden schw\u00e4cher und kr\u00e4nker, Jahr um Jahr. Und niemand traute sich noch, frei und offen zu denken. Die R\u00e4uberbarone aber\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDiese Banditen hatten sich selbst nat\u00fcrlich ausgenommen. F\u00fcr sie gab es immer noch jeden Tag erlesenes Soma, rein und frisch aus den W\u00e4ldern, und sie blieben gesund und stark. So kam dann die Zeit, da das aufzufallen begann. Unser Volk verging, doch diese Wenigen waren davon verschont? Die Kraft unserer Seele regte sich, und weil dieser Sch\u00f6pferfunken st\u00e4rker ist als alles im Universum, begannen wir Fragen zu stellen. Und immer mehr der b\u00f6sen H\u00e4ndel der selbst erkl\u00e4rten Herren der Welt kamen zu Geh\u00f6r, und wir standen kurz davor, die dunklen Machenschaften zu enth\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDeshalb verfielen die Schurken auf den Plan, uns alle zu t\u00f6ten. Sie meinten, mit Robotern und Maschinen w\u00e4ren wir anderen ohnehin nutzlos. Ich spare dir die Einzelheiten, das w\u00fcrde dich langweilen, nur so viel: Sie versetzten alle in furchtbare Angst und brachten sie damit dazu, ein t\u00f6dliches Gift zu trinken. Denn man hatte ihnen erfolgreich eingesungen, dass nur dies sie retten k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd auch wenn es unglaublich scheint, doch niemand konnte die M\u00f6rder stoppen. Denn sie besa\u00dfen Macht \u00fcber Jedes, und nicht alle Fl\u00fcgelschl\u00e4ge unserer ganzen Art vermochten etwas daran zu \u00e4ndern. Das Gift wirkte erst mit gro\u00dfer Verz\u00f6gerung, aber wer auch immer das erforschen wollte, wurde zum Schweigen gebracht. Jede Hoffnung ging verloren, und der Tod zog \u00fcber das weite Heimatnest.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs war ein Kind, das um seinen Vater weinte, das alles \u00e4nderte. Ein Geheimpolizist h\u00f6rte es mit an, und der Stein in seinem Herzen brach. Ohne dass er es wusste, war die Liebe in ihm erbl\u00fcht, st\u00e4rker als alles Gemeine und Zerst\u00f6rerische des gesamten Alls. Das weinende Kind hatte ihn erinnert an die eigene Kinderzeit, und der Quell Des Lebens str\u00f6mte nun klar und laut in ihm\u2026 die L\u00fcgen hatten keine Macht mehr \u00fcber ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie ein Feuer breitete es sich sodann aus unter den Soldaten und Polizisten, die bis dahin so brav \u2013 und dumm \u2013 die Befehle der Herren ausgef\u00fchrt hatten. Und da diese Herren so wenige waren, dauerte es nicht lang, und sie waren geankert im tiefsten Schlund der ewigen See.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHeute, am Tag des B\u00f6sen, erinnern wir uns. Wir erinnern uns des Mitgef\u00fchls, welches das Kind der Liebe ist, und das allein uns retten kann, wenn alles andere schon verloren ist. Wir erinnern uns des Dunkels, das uns erwartet, wenn wir die Liebe vergessen. Und wir erinnern uns, dass es unser eigener Hass ist, der das B\u00f6se f\u00fcttert.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf einer Welt weit fort von der unseren \u201eMama, wieso ist das ein Feiertag? Das ist doch verr\u00fcckt \u2013 warum feiern wir das B\u00f6se?\u201c Ch\u2019tiagna sah von den Ausflugsvorbereitungen auf. Was f\u00fcr ein h\u00fcbsches Kind mir doch geschenkt wurde, dachte sie. Und wie klug sie ist! 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