{"id":440,"date":"2021-05-22T15:48:28","date_gmt":"2021-05-22T13:48:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mikambo.de\/?p=440"},"modified":"2021-07-07T19:09:22","modified_gmt":"2021-07-07T17:09:22","slug":"schoepfungsstaub","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mikambo.de\/index.php\/2021\/05\/22\/schoepfungsstaub\/","title":{"rendered":"Sch\u00f6pfungsstaub"},"content":{"rendered":"\n<p>Der alte B\u00e4r sp\u00fcrte, dass der Tag gekommen war. Die Kerzen flackerten, und ihr unruhiges Licht warf seltsame Schatten an die H\u00f6hlenw\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>Er rief nach seinem J\u00fcngsten. \u201eDa ist Eines, das ich dir noch sagen muss. Es muss leuchten durch die Zeit, denn ohne es bleibt nur Dunkelheit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Augen des kleinen B\u00e4ren wurden gro\u00df. \u201eAber\u2026 ich\u2026 ich wei\u00df doch gar nicht, ob ich es bewahren kann?\u201c<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u201eNiemand ist jemals bereit daf\u00fcr\u201c, sagte der alte B\u00e4r freundlich, \u201eund niemand wird es jemals sein. Doch es begegnet immer nur dem Richtigen, also f\u00fcrchte dich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHast du die Weisen sagen h\u00f6ren, Gott sei die Liebe? Sie sagen es seit altersher. Aber wie kann das sein? Der Tod, das Dunkel, die Angst \u2013 sie sind \u00fcberall. Ist die Liebe denn nur ein Ideal, eine Hoffnung, eine T\u00e4uschung?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSiehst du, niemand versteht, was das ist, die Liebe. Jeder f\u00fchrt sie im Munde und begr\u00fcndet damit, was immer ihm f\u00fcr seine W\u00fcnsche dienlich ist. Vielleicht denkst du, Liebe, das sei, einem h\u00fcbschen B\u00e4renm\u00e4dchen sch\u00f6ne Augen zu machen. Nun, das ist sie auch \u2013 selbstverst\u00e4ndlich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der kleine B\u00e4r musste kichern. Gerade gestern erst hatte sie ihm wieder zugel\u00e4chelt, das dritte Mal schon in den letzten Tagen. Wann w\u00fcrde er endlich den Mut finden, sie anzusprechen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein nachsichtiges Schmunzeln huschte \u00fcber das faltige Antlitz des alten B\u00e4ren. Er hatte seine Jugend nicht vergessen, sie geh\u00fctet als kostbaren Schatz sein Leben lang, und sich deshalb G\u00fcte und Verst\u00e4ndnis bewahrt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist nur ein schwaches Bild, doch sieh es einmal ganz anders an: Die Liebe ist das Verbindende, und der Hass das Trennende. Hast du schon einmal davon geh\u00f6rt, dass das Ganze immer mehr ist als die Summe seiner Teile?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der kleine B\u00e4r nickte eifrig. \u201eDie Fr\u00fcchte am Baum gibt es nicht ohne Wurzel, Stamm und Bl\u00e4tter. Und nur gemeinsam erschaffen sie, jeder f\u00fcr sich w\u00fcrde nichts hervorbringen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGanz genau\u201c, stimmte der Alte zu. \u201eEs beginnt mit einem Staubkorn, das sich mit einem anderen Staubkorn vereint. Es mag dich \u00fcberraschen, aber die Wollm\u00e4use unter deinem Sofa sind das, was \u2013 in galaktischem Ma\u00dfstab \u2013 Sonnen hervorbringt, und auch Planeten. Und damit dann auch alles andere. In allem, das irgendwo ist, existiert diese Bindungsenergie, und so ist also alles immerzu bestrebt, sich zu verbinden. Und daraus entsteht die Sch\u00f6pfung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der kleine B\u00e4r sah verwundert auf. \u201eDas Universum ist eine gro\u00dfe Wollmaus? Und Gott sitzt auf dem Sofa dr\u00fcber?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der alte B\u00e4r lachte. \u201eIch wusste, dass das Geheimnis bei dir gut aufgehoben ist. Aber du musst aufh\u00f6ren, Gott als einen B\u00e4ren anzusehen. Das ist Er nicht. Auch zu glauben, Er sei die Energie, die zur Bindung strebt, ist zu kurz gerungen. Woher kommt denn diese Energie, und was w\u00e4re mit ihr, wenn sie verbraucht w\u00e4re?<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nenne Es wie du willst, aber du begreifst besser, wenn du Es als Gesetz achtest, welches solcherart beschaffen ist, dass Es Bindungsenergie nicht nur hervorbringt, sondern sogar unausweichlich macht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJedenfalls, das Geheimnis, das ich dich bitte zu bewahren, ist sehr traurig. Es ist einfach, und einfach zu verstehen, und dennoch weigern sich alle, es anzuerkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSiehst du, wenn das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, was geschieht denn mit diesem Mehr, wenn das Ganze zerlegt wird?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs wird freigesetzt, und sucht nach neuem Nutzen. Denn das ist seine Natur. Aber was meinst du, was ist einfacher \u2013 zu erschaffen oder zu zerst\u00f6ren?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der kleine B\u00e4r dachte kurz nach. \u201eNaja, an meinem Schaukelpferd haben wir eine Woche gebaut. Aber um es kaputt zu machen, br\u00e4uchte ich nur eine Axt und ein paar Minuten. Zerst\u00f6ren ist also viel leichter, glaube ich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, mein kluger Junge, du hast v\u00f6llig recht. Aber es wird noch schlimmer. Zerst\u00f6ren, das ist ein kurzer, schneller Akt, und er bringt mit wenig Aufwand gro\u00dfe Energie hervor, wenn er das Bindende freisetzt. W\u00e4hrend Erschaffen auf Dauer zwar viel mehr Energie hervorbringt, schon allein, weil diese Energie nicht versiegt wie die Zerst\u00f6rungsenergie, aber f\u00fcr den Moment der Sch\u00f6pfung ist es weniger als im Akt der Zerst\u00f6rung. Es braucht also nicht nur Flei\u00df, sondern auch Geduld und Zuversicht, um die Fr\u00fcchte des Schaffens zu ernten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd so gibt es zwei Sorten Wesen: Die Faulen und die Flei\u00dfigen. Die einen sind ungeduldig, wollen alles sofort und ohne Arbeit, sie reden sich ein, das st\u00fcnde ihnen zu. Die anderen hingegen streben nach der Tugend der Geduld, und erwarten sich nur das, was das Leben ihnen schenkt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAus Faulheit also ergibt sich einer der Zerst\u00f6rung, dem B\u00f6sen, und merkt dabei nicht, dass auch er nur von der Liebe lebt. Denn es gibt nichts, das nicht von der Liebe zehrt, und verachte man sie noch so sehr. Doch der eine Weg f\u00fchrt zum Ende der Zeit, der andere aber in die Ewigkeit.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der alte B\u00e4r sp\u00fcrte, dass der Tag gekommen war. Die Kerzen flackerten, und ihr unruhiges Licht warf seltsame Schatten an die H\u00f6hlenw\u00e4nde. Er rief nach seinem J\u00fcngsten. \u201eDa ist Eines, das ich dir noch sagen muss. Es muss leuchten durch die Zeit, denn ohne es bleibt nur Dunkelheit.\u201c Die Augen des kleinen B\u00e4ren wurden gro\u00df. 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